re-cycled
Freitag 9. Oktober 2009 von glandon
„Wir könnten mal wieder aufräumen!“ hat Nicki neulich gesagt. Und es war somit beschlossen. Auf der Strecke blieben bei dieser Aktion ein altes Bügeleisen, diverse Elektro-Kabelage und ein kaputter Discman, die der Entsorgung harrten.
Von manchen Dingen muss man sich einfach trennen, auch wenn sie mit Erinnerungen verbunden sind.
Den Discman hatte ich eines Morgens beim Zeitungslesen in einer Annonce eines großen Discounters entdeckt. Ein unschlagbares Schnäppchen-Angebot, weshalb ich mich stante pede auf den Weg gemacht hatte. In den ersten beiden Filialen bei mir im Problembezirk hatte ich keinen Erfolg – alles schon weg. Als mir auch in der dritten kein Glück beschieden war hatte meine Geduld eigentlich schon ein Ende. Ich zitierte noch den Filialleiter herbei, pöbelte noch etwas von „Lockvogelangebot“ und „ich zeige euch an!“ und verzog mich mit meinem Zorn vor die Tür. Da stand ich nun im Schneematsch vor dem S-Bahnhof. Von dem eine Linie direkt zu meinem damaligen Arbeitsplatz in einem wohlhabenden Außenbezirk führte. Das brachte mich auf die Idee, mein Glück bei der dortigen Filiale zu versuchen, an der ich sonst immer vorbei zum Büro marschierte. Und deren Anwohner einen Einkauf bei den Geizkragen-Brüdern eigentlich nicht nötig hatten.
Dort angekommen hielt ich mich erst gar nicht lange mit suchen auf, sondern schnappte mir gleich einen Mann im weißen Kittel. Und ich hatte Glück! Zwar lagen auch dort keine der Geräte mehr zum Abverkauf bereit, aber der freundliche Herr hatte noch eines für einen Kunden reserviert. Bis 11:30 Uhr. Und es war kurz vor zwölf!
Richtig bezahlt gemacht hat sich der Einsatz und die Jagd allerdings nicht. Ein paar Jahre tat das Teil seinen Dienst, dann fing es an zu jaulen. Manchmal wollte es auch gar nicht loslaufen, sträubte sich und zeterte wie das HB-Männchen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und warf das Miststück gegen die Wand. Danach war es still – leider für immer.
Das Bügeleisen hingegen hatte ich von meiner Mutter geerbt. Gutmütig lag es seit Jahrzehnten im Schrank und wartete auf gelegentliche (sehr gelegentliche) Einsätze. Regelmäßig benutzt wurde es eigentlich nur von meinen Untermietern. Bei Gottfried aus Ghana z. B. musste es monatelang fast täglich ran. Das hat es wohl zu sehr geschlaucht, da es wie gesagt nicht mehr das jüngste war. Als mein nächster Untermieter morgens einen Termin mit einem Auswärtigen Beamten hatte und schnell ein gebügeltes Hemd brauchte drückte ich ihm die Antiquität in die Hand. Und dort hielt er sie auch gerade, als nach wenigen Bügelstrichen eine Flamme aus dem Gerät schoss, und so glücklicherweise keine Brandflecken auf seinem besten Hemd hinterließ. Welches den anschließenden Termin allerdings etwas zerknittert absolvieren musste.
Solcherart waren die Erinnerungen, während ich mich auf den Weg zum Recyclinghof in meiner Nähe begab.
Die Einfahrt war mittels Schlagbaum versperrt, und der glubschäugige Pförtner, der mich aus seinem Glashäuschen anglotzte, machte auch keinerlei Anstalten, diese für eine Radfahrerin zu öffnen. So musste ich mich durch die scheinbar für nichtmotorisierte Personen gedachte schmale seitliche Lücke zwängen, durch die die feiste Gestalt im verqualmten Kabuff niemals hindurchgepasst hätte.

„Tach, ich hab ein altes Bügeleisen, einen Discman und einen Haufen Elektrokabel“ hob ich an, die ekelerregenden Zigarrenschwaden, die mir entgegenquollen dabei ignorierend. Die Antwort verblüffte mich einigermaßen: „Wir sind hier aber nicht die Stadtreinigung, sondern die Recycling GmbH!“ Während mir die Kinnlade herunterfiel, sodass ich nicht gleich entgegnen konnte „Das trifft sich ja gut, zum Recyceln wollte ich die Sachen ja auch bringen“, hatte die Masse Mensch schon flugs einen Lageplan hervorgezaubert und erläuterte mir den Weg zur richtigen Adresse. Da sich diese erstens nicht sehr weit entfernt und zweitens direkt auf meinem Weg zur Kita befand, wo ich das Kind abholen musste, ließ ich die Sache damit auf sich beruhen. Mit einem „Die ganzen Umwege spare ich mir aber und fahre direkt durch die Hohenfriedbergstrasse“ verabschiedete ich mich, ein grübelndes Gesicht hinterlassend, dem ein ‚Wie will die denn da fahren, die ist doch für den Durchgangsverkehr gesperrt’ mit großem Fragezeichen auf der Stirn eingeschrieben war.
Am neuen Ziel angekommen gab es schon wieder einen Schlagbaum, hinter dem sich ein blondierter Jüngling auf einem Klappstühlchen in der Sonne fläzte. „Tach, ich hab ein altes Bügeleisen, einen Discman und einen Haufen Elektrokabel“, wiederholte ich mein Sprüchlein, ergänzt um die Frage: „Wo soll ich das hinbringen?“ „Das Bügeleisen kann in den Alteisen-Container. Das andere musst du leider wieder mitnehmen. Der Container ist voll.“
„Guter Witz!“ entgegnete ich noch und machte mich auf den Weg zum Alteisen-Container. Scheppernd landete das einst so feurige Gefährt in dem Behältnis, und mit einer Tüte in der Hand kehrte ich zum Einweiser zurück. Ich wiederholte meine Frage, wo ich die restlichen Sachen deponieren könne. „Hab ich doch schon gesagt!“ kam es aggressiv zurück. Der Container wäre voll, schon geschlossen und würde erst morgen früh abgeholt. „Dann mach ihn halt wieder auf!“ entgegnete ich, allmählich auch leicht gereizt. Als Antwort kam eine hanebüchene Geschichte über offene Container und während der Fahrt herunterfallende Altgeräte, die schwere Unfälle verursachten. Ich hatte keine Lust, mir derlei Unfug weiter anzuhören und meinte nur, es wäre mir egal, was er mit der Tüte machte, der volle Container wäre nicht meine Schuld und ich würde sie auf jeden Fall nicht quer durch die halbe Stadt fahren und anschließend wieder mit nach Hause nehmen .
Mit weiteren absurden Vergleichen über ausverkaufte Bäcker, bei denen man auch keine Brötchen mehr bekomme, und Gegenvorschlägen, dass sich auf dem riesigen Gelände wohl ein winziges freies Plätzchen fände, wo meine Tüte bis zur Abholung des Containers übernachten könne, eskalierte die Situation verbal mehr und mehr. Bevor die Auseinandersetzung in den physischen Zustand überging trat ich lieber den taktischen Rückzug an. Zwar hätte mich der Helm beim hinterrücks mit dem Kopf aufschlagen vor dem Tode bewahrt, gegen einen zertrümmernden Hieb auf die Nase wäre er aber machtlos gewesen.
Beim Wegstrampeln der aufgestauten Aggressionen auf dem Rad formulierte ich im Geiste schon den Wortlaut der E-Mail, die ich an die Kundenservice - oder am besten gleich Personal-Abteilung der Stadtreinigungsbetriebe - zu schicken gedachte. Blöderweise (oder glücklicherweise, ganz nach Betrachtung) verraucht mein Zorn aber meistens genauso schnell, wie er entstanden ist, weshalb das Schreiben nie verfasst wurde. Ob die Plastiktüte voll Elektroschrott immer noch vor dem Eingang des Recyclinghofes liegt?
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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 9. Oktober 2009 um 12:46 und abgelegt unter Allgemein. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

Donnerstag 15. Oktober 2009 um 19:35
Ich liebe diese Art wichtiger Menschen, an denen kein Vorbeikommen ist. Hatte letztens sowas erst auf dem Amtsgericht. Nur, wenn ich darüber lese, finde ich solche Geschichten, zumal wenn sie so gut und amysant geschrieben sind wie Deine, erfrischend lustig. Stehe ich dagegen selbst vor Herrn oder Frau Wichtig hätte ich gern irgendein Schlaginstrument in der Hand…
Freitag 16. Oktober 2009 um 14:45
wo du das mit dem amtsgericht erwähnst: da musste ich letztens auch ein paar mal hin, das letzte mal mit begleitung. die erschien dann, trotz meines hinweises auf flughafenähnliche leibesvisitationen, zwar nicht mit einem schlaginstrument - dafür aber mit zwei cutter-messern und vier weizenbiergläsern, die sie mir mitbringen wollte. da war endlich mal stimmung im laden!
Samstag 17. Oktober 2009 um 14:40
was du mit den weizenbiergläsern wolltest, scheint mir relativ klar zu sein, aber was zum teufel hast du mit den cutter-messern vor? gipskartons zuschneiden wohl kaum
Samstag 17. Oktober 2009 um 14:50
wir hatten am vortag kabel verlegt, und wie frauen so sind hat sie meine messer einfach eingesteckt. dann hat sie wohl doch das schlechte gewissen geplagt und sie wollte sie zurückgeben. und hat sich die passende übergabestelle ausgesucht.