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Doping im Radsport



die Landuyt/Versele/Museeuw und Co. - Affaire

 

Am 4. 9. 2003 wurden bei  6 belgischen Radfahrern Hausdurchsuchungen durchgeführt, lange Verhöre schlossen sich an: Johan Museeuw, Chris Peers, Jo Planckaert, Mario de Clercq, Nico Henderickx, Oliver Penny und  Birger Donie sahen sich massiven Dopingvorwürfen ausgesetzt. Das kleine Städtchen Kortrijk, an dessen Gericht das Verfahren angesiedelt war, wurde schlagartig bekannt.  

 

„Kern der Sache ist das Vorhandensein von Netzwerken in einem kriminellen Milieu, die in den Bereichen Land- und Viehmastwirtschaft und in Sportlerkreisen Gewinn machen. Die Welten der Viehmäster und der Sportler sind, wenn es um die Hormone geht, miteinander nah verwandt. Sie haben sowohl was das Tier als auch den Menschen anbelangt, nur ein Ziel: Mehr Gewicht und Muskelwachstum,“ so der zuständige Richter Johan Sabbe (vom 'nationaal hormonenmagistraat'). Insgesamt wurden an diesem Tage an weiteren 20 Orten Razzien durchgeführt, denn das eigentliche Ziel des Ganzen war, die mächtige Hormonmafia zu treffen, welche die Viehmastbetriebe mit  verbotenen Hormonen versorgt.




Beziehungsgeflechte ...



Tierarzt José Landuyt und Masseur Herman Versele

Die Untersuchungen bei den Fahrern gingen zurück auf den Tierarzt José Landuyt, der im Zuge langwieriger Ermittlungen auffiel und in Verdacht geriet, einen schwungvollen Medikamentenhandel in Pferde-, Tauben- und Radsportmilieus zu betreiben.

 

Lange Zeit wurden die Telefonate des Arztes abgehört und protokolliert, auch Gespräche und SMS-Nachrichten mit den genannten Radfahrern wurden aufgezeichnet. Die Gesprächspartner benutzten offenbar eine Codesprache, die die Namen verdächtiger Dopingmittel verschleiern sollten: vermutlich stand ‚Wespen’  für Aranesp, ‚geschnittenes Brot’ für Wachstumshormone und ‚Käfer’ für Testosteron. Auch von ‚Drehzahlen’, ‚Schläuchen’ und ‚Waschmaschinen’ ‚ war die Rede.    

 

In den Verhören gaben die befragten Sportler offen zu, den Tierarzt gut zu kennen, leugneten aber jemals verbotene Mittel von ihm erhalten zu haben.

 

Museeuw berichtete mit Landuyt seit Jahren eng befreundet zu sein. Die Beziehung nahm an Intensität zu während der Zeit nach dem Unfalltod der 17jährigen Tochter des Tierarztes, als dieser unter schweren Depressionen litt. Auch Jo Planckaert sprach diese Zeit an und meinte, dass Landuyt damals mit seinen Verbindungen und Kenntnissen von den verschiedensten Medikamenten geprahlt hätte, dass er dies sozusagen als ‚Kick’ gebraucht hätte. Peers und er hätten ihm dann eben nach dem Mund geredet und rechtgegeben.

 

Unter Verdacht geriet daneben Herman Versele, Pfleger und Masseur, der seit ca. 15 Jahren das Vertrauen Museeuw’s genießt und auch von anderen geschätzt wurde. Versele und Landuyt, die sich gut kannten, wurden beide festgenommen und kamen erst nach über zwei Monaten unter Hinterlegung von Kautionen aus der Untersuchungshaft frei. Beide sollen gestanden haben, Dopingmittel vertrieben zu haben.

 

José Landuyt und Herman Versele scheinen schon Anfang der 90er Jahre keine Unbekannten in der Radsportszene gewesen zu sein, wie es Äußerungen von David Windels, einem ehemaligen Radsporttalent, nahelegen: „Versele war ein guter Masseur, aber er gab auch ab und zu eine Spritze. Landuyt lieferte das Zeug und Versele spritzte es.“ Aufgrund seiner engen Eingebundenheit in die Szene, wusste Landuyt laut Windels auch, wann Dopingkontrollen stattfanden und konnte die Fahrer entsprechend vorwarnen. Vor allem aber versorgte er Interessenten mit Amphetaminen und dem Pot belge. Windels wurde schnell abhängig und musste seine Radsportkarriere aufgeben. (>>> Windels erzählt)

 

Landuyt arbeitete nach seinem Diplom (1980) als Assistent an der Universität Gent auf den Gebieten Tiertoxikologie und –pharmakologie. Damit qualifizierte er sich als Veterinärinspekteur für Pferderennen, bei denen er regelmäßig  Dopingkontrollen durchführte - eine Funktion, die er bis zu seiner Festnahme innehatte, noch kurz zuvor war er entsprechend bei einem internationalen Hindernisrennen in Waregem tätig.



unbekannte, nicht öffentliche Beweislage

Im September 2003 wurden neben der Beschlagnahme von Medikamenten und den PC  der betroffenen Fahrern Museeuw und Co. auch Blut- und Urintests vorgenommen, die Analyseergebnisse sind aber bislang nicht veröffentlicht, Hormone sollen nicht gefunden worden sein.

 

Insgesamt ist die Informationslage dürftig, dafür gab es Gerüchte. So soll ein bis dato unbekanntes synthetisches Tierhormon sichergestellt worden sein, Codename ‚Groentjes’ (Grünschnabel). Durch die Stimulation der körpereigenen Hormonproduktion wäre damit eine erstaunlich schnelle Gewichtszunahme möglich, hieß es ( Gazet van Antwerpen, vrt-nieuws, 20.11.2003). Unklar ist auch, ob bei den Fahrern  verbotene Mittel gefunden wurden, die den Sportlern zum Dopen dienten. Bestätigt wurde der Fund von Spritzen mit Spuren eines Schwangerschaftshormons bei Planckaert. Seinen Angaben zufolge waren diese aber für seine Freundin, die schwanger werden wollte, bestimmt. Bei Peers war es ein Schilddrüsenmittel, das seine Frau seit ihrer Schilddrüsenoperation benötigt. Ein Cortisonpräparat wurde ihm therapeutisch verordnet als er die Schulter ausgerenkt hatte. Bei Mario De Clercq wurde ein Wachstumshormon sichergestellt nebst mehreren Notizbüchern aus den Jahren 2001 und 2002 mit  Trainingsplänen und Hämatokritmesswerten, die in Relation gesetzt waren zu Medikamenten. De Clercq will diese Notizen aber für einen Roman angelegt haben, den er zu schreiben beabsichtige.  

 

Olivier Penney ist der einzige betroffene Radsportler, der ein Geständnis ablegte. 



die Sanktionen

Am 8. Oktober 2004 fällte die Disziplinarkammer des belgischen Radsportverbandes Urteile, folgende Sanktionen wurden ausgesprochen: Johan Museeuw, Jo Planckaert und Chris Peers je zwei Jahre Sperre plus zwei Jahre auf Bewährung, zudem Geldstrafen über SF 10 000.-; Oliver Penney 15 Monate Sperre, 33 Monate auf Bewährung; Nico Hendrickx 20 Monate Sperre plus 28 Monate auf Bewährung, SF 2 500.-; Birger Donie ging straffrei aus.

Mario DeClercq’s bekam am 2. 3. 2005 dieselbe hohe Strafe wie die anderen drei Hauptbeteiligten: zwei Jahre Sperre plus 2 Jahre auf Bewährung und SF 10 000.- . Widerspruch vor dem internationalen Sportgerichtshof ist allen möglich, aber zumindest Planckaert und Peers wollen darauf verzichten. 

 

Ausführliche Begründungen für die hohen Strafen wurden von Seiten der Kommission nicht gegeben aus Rücksicht auf die noch laufenden juristischen Verfahren, denn das Hauptziel bliebe weiterhin die Hormonmafia. So bekundeten die Untersuchungsbehörden im Mai 2004 ganz offen, dass die Dopingermittlungen lediglich wohlüberlegte taktische Vorgehen waren, um die Aufmerksamkeit von dem Hauptanliegen abzulenken, es handelte sich hierbei sozusagen nur um ein Nebenprodukt.

 

Der Vorsitzende der Disziplinarkommission erklärte nur: “Sie haben mit Vorbedacht Doping angewandt. Wir handelten entsprechend dem internationalen Dopingreglement Artikel 130-2. Danach muss ein Fahrer bei absichtlichem Doping vier Jahre gesperrt werden. Wir berücksichtigten verschiedene Umstände und Erklärungen und beschränkten die effektiven Sperren auf zwei Jahre.“ Und: „Ein unerklärlicher Telefonverkehr und der Gebrauch von Codewörtern wurden durch den Internationalen Radsportverband UCI als ein Beweis für Dopingmittelgebrauch gewertet.“  So fragte z.B. ein Fahrer Landuyt: „Hoeveel wespen moet ik nog bijsteken?“ und ein andere bekommt folgende SMS von Landuyt: „4.000 bijdraaien als de wasmachine aan 48 staat.“



der lange Weg zum Strafprozess

Johan Museeuw akzeptierte die Strafe nicht, sondern verklagte im Dezember 2004 den belgischen Radsportverband LVB auf Anulierung der Sperre. Er wirft dem LVB-Disziplinarausschuss fehlende Berechtigung und Verstoß gegen Verfahrensgrundsätze vor.

 

Im Januar 2005 wurden zwischen Museeuw und Landuyt gewechselte SMS veröffentlicht, aus denen deutlich hervorgeht, dass der ehemalige Champion mit hoher Wahrscheinlichkeit Aranesp und EPO genommen hatte. 

 

Diese Mittel wurden bestätigt durch Gerichtsdokumente, die im Oktober 2005 an die Öffentlichkeit gelangten. EPO scheint danach jahrelang sehr beliebt gewesen zu sein: siehe hier.

 

Der Strafprozess konnte noch nicht beginnen. Museeuw und andere legten Widerspruch ein, denn sie vertraten die Meinung, sie seien bereits verurteilt und könnten somit nicht noch einmal angeklagt werden in derselben Sache. Am 16. Januar 2007 wurde dieses Argument in Gent verworfen: Johan Museeuw, Jo Planckaert, Chris Peers, Mario De Clercq, Nico Henderickx und Birger Donie müssen vor Gericht erscheinen.

Der Prozess sollte am 19. Juni 2007 in Kortrijk beginnen, wurde dann auf den 27. 9. verschoben und weiter auf den 23. September 2008. Denn zwischenzeitlich gab es ein Urteil in Sachen Frank Vandenbrouke, wonach dieser nicht zweimal wegen einer Sache angeklagt werden kann. Jetzt musste das Genter Urteil überprüft werden. Doch auch hier kam das Gericht zu der Meinung, das ein Strafprozess folgen kann. Er begann im Herbst 2008, im Dezember 2008 erfolgten die Urteile: Johan Museeuw, Jo Planckaert, Chris Peers und Mario De Clercq wurden wegen des Besitzes von Dopingmitteln jeweils zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung und einer bedingten Geldbuße von 15 000 Euro verurteilt, effektiv müssen sie 2500 € zahlen. Tierarzt José Landuyt sowie Masseur Herman Versele erhielten wegen Dealens 12 Monate auf Bewährung und Geldstrafen in Höhe von 15 000 €, Versele muss noch Prozesskosten übernehmen. 3 weitere Fahrer und Freddy Walraevens, Mittelsmann zwischen Landuyt und Penney, sehen sich einer Strafe von 6 Monaten auf Bewährung und bedingten 15 000 €, effektiv 1250 € gegenüber. Georges Windels wurde freigesprochen, da er nicht wusste, wofür er die Mittel transportierte. (HLN, 16.12.2008)

 

In der Berufungsverhandlung vor dem Berufungsgericht in Gent wurden im Februar 2010 die meisten Urteile bestätigt. Birger Donie und Oliver Penney wurden freigesprochen. (de morgen, 25.2.2010)

 

 

Beitrag von maki

letztes Update Februar 2010

 



Johan Museeuw gesteht öffentlich

Im Januar 2007 gesteht Museeuw während seiner letzten Jahre als Profi unter der Regie von José Landuyt gedopt zu haben (de Standaard, Johan Museeuw bekent dopinggebruik ).

2012, nach der Veröffentlichung des Buches von Tayler Hamilton "The Secret Race" und der damit ausgelösten Diskussion, meldet sich Museeuw erneut zu Wort und spricht davon während seiner gesamten Karriere zu verbotenen Mitteln gegriffen zu haben - alle hätten es damals getan. Er forderte alle Betroffenen auf endlich auszupacken und die waren Zustände zu schildern. Nur so sei ein wahrhaftiger Neubeginn möglich. (6.9.2012 gva.be: Museeuw: "Nagenoeg elke renner nam doping" , sid: Museeuw über Doping: "Jeder hat es getan")


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