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Götterdämmerung

von torte
alle Fotos: capture-the-peloton.com



Die 90. Tour de France 2003

Dies ist ein Rückblick auf eine der spannendsten Frankreichrundfahrten der letzten Jahre. Im Nachhinein fasziniert nicht nur das "ewige" Duell zwischen Armstrong und Ullrich, sondern auch die Geschichte der anderen Protagonisten, welche diese "Grande Boucle" prägten. Die Tour als Gipfeltreffen einer Radsportgeneration, von dem drei Jahre später nur noch ein Schatten geblieben ist

 

1. Prolog: Ein besonderer Jahrgang

2. Geschichte schreiben – die „ideale“ Tour 2003

3. Gipfeltreffen einer Generation

4. Große Träume und jähes Erwachen

5. Der Thron wackelt

6. Ein Herausforderer mehr, ein Herausforderer weniger

7. Der Anfang vom Ende?

8. Rätsel der Taktik

9. Adrenalin pur: Das Imperium schlägt zurück

10. Eintritt in den Radsport-Olymp

11. Lange Schatten und viele Fragezeichen

12. Was bleibt?

 



Prolog: Ein besonderer Jahrgang



Lance Armstrong: Zum fünften Mal in Serie "The man to beat"

„Lance Armstrong im Gelben Trikot auf den Champs Elysees – es war Tour de France!“ Diese Volksweisheit galt in den Jahren von 1999 bis 2005 uneingeschränkt. Doch so sehr sich die Bilder am Ende ähnelten, die Tour 2003 war eine besondere – erst recht, wenn man drei Jahre später auf sie zurückblickt.

Aus deutscher Sicht war die Saison 2003 ein „goldenes Jahr“ - nach jahrelanger Gleichbedeutung von „Radsport“ und „Team Telekom“ waren auf einen Schlag drei deutsche Mannschaften am Start der Grande Boucle.

Das Team Gerolsteiner hatte sich nach einem erfolgreichen Jahr 2002 den Startplatz erkämpft. Womit endlich auch der Durchbruch in der Medienaufmerksamkeit in Deutschland geschafft war, auch wenn der Tourverlauf zeigte, dass vor der Truppe um Teamchef Holzer noch ein weiter Weg liegen sollte. Ohne echten Kapitän waren die Gerolsteiner gekommen, um Lehrgeld zu zahlen - eine Investition, die sich schon in den kommenden Jahren rentieren sollte.

Als drittes "deutsches" Team hatte Bianchi eine Einladung erhalten. Die Mannschaft, welche aus dem Radsportabenteuer des Geschäftsmannes Günther Dahms hervor gegangen war, bezog ihre Startberechtigung vorrangig aus dem Namen ihres Kapitäns. Dieser hieß nach einer schlagzeilenträchtigen Wechselgeschichte: Jan Ullrich.

 



Geschichte schreiben – die „ideale“ Tour 2003

Aber auch sonst war dieses Jahr ein besonderes. Zum 90. Male machten sich die Ritter der Landstraßen auf ihren mühevollen Weg durch Frankreich. Gleichzeitig jährte sich zum 100. Male der erste Startschuss der Tour, was in einer gigantischen PR-Kampagne hervorgehoben wurde. Dazu passte auch der Streckenverlauf, der einer „idealen“ Tour entsprechen sollte: Start in Paris, dann im Uhrzeigersinn Richtung Alpen und Pyrenäen, Passage von Alpe d´Huez und die „Monumente“ Galibier und Tourmalet, Sprintankünfte in Marseille und Bordeaux, zwei Einzelzeitfahren, zuletzt das traditionelle Finale auf den Champs Elysées.

Auch im Fahrerfeld kündigte sich ein „Jubiläum“ an: Lance Armstrong wollte in den „Klub der Fünffachen“ eintreten und seinen Platz in der Tourgeschichte neben Anquetil, Merckxs, Hinault und Indurain einnehmen. Alles war bereitet für eine denkwürdige Tour de France – ob sie dieses Versprechen halten würde, konnten aber nur die Fahrer entscheiden.

 



Gipfeltreffen einer Generation



Wolfram Lindner, im Januar 03 noch Ullrichs Teamchef: "Das erste Fernziel ist die Weltmeisterschaft 2003. Bei der Tour de France sollte man noch nicht unbedingt ganz Großes von Ullrich erwarten. Das kommt noch zu früh."

Lance Armstrong zum „Fünften“. Gab es vor dieser Tour ernsthafte Zweifel daran, dass „der Boss“ triumphieren würde? Zwar meldeten sich in jedem Jahr Herausforderer, aber dieses Mal kündigte sich das Gipfeltreffen einer Radsportgeneration an. An der Startlinie standen die amtierenden Giro- und Vueltasieger, die Tourzweiten der vergangenen Jahre, die aktuellen Sieger von Paris-Nizza und Tour de Romandie, von Amstel Gold Race und Lüttich-Bastogne-Lüttich sowie der amtierende Zeitfahrweltmeister – und alle hatten Ambitionen auf den Toursieg angemeldet.

Am weitesten wagten sich Girosieger Gilberto Simoni („Armstrong ist in den Bergen noch nie richtig gefordert worden“) und Tyler Hamilton aus der Deckung. Letzterer, indem er mindestens einen Platz auf dem Podium reklamierte und diesen Anspruch mit Siegen bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Tour de Romandie untermauert hatte. Der Spanier Joseba Beloki galt als heißer Tipp, auch wenn seine Vorbereitung wie immer unauffällig über die Bühne gegangen war. Auch auf Alexandre Vinokourov, der seinen Vorjahreserfolg bei Paris-Nizza in beeindruckender Manier wiederholt hatte, ruhten die Augen der Experten mit Spannung. Durch den Ullrich-Weggang vom Team Telekom war er zum ersten Mal Kapitän bei einer dreiwöchigen Rundfahrt. Unterstützt sollte er von Santiago Botero werden, einem weiteren potentiellen Herausforderer Armstrongs. Der Kolumbianer war schließlich der Einzige, der den Amerikaner schon am Berg als auch im Zeitfahren bezwungen hatte. Iban Mayo wiederum hatte sich bei der Dauphiné-Libéré den Status eines „Geheimtipps“ erkämpft – das Prologzeitfahren entschied er für sich, und in den Bergen konnte er Armstrong ordentlich Paroli bieten.

Fragezeichen standen hinter Aitor Gonzales, dem Gewinner der Spanien-Rundfahrt: Würde er sich als Eintagesfliege oder als ernsthafter Konkurrent präsentieren? Und natürlich hinter Jan Ullrich: Nach einem Seuchenjahr mit Verletzung, Dopingsperre und Teamwechsel wusste niemand recht einzuschätzen, ob er Armstrong in diesem Jahr wieder auf Augenhöhe entgegen treten können würde.

 



Große Träume und jähes Erwachen



Eigentlich ein Nebendarsteller: Jesus Manzano. Sein Ausstieg auf der 7. Etappe nach La Morzine wurde ein halbes Jahr später Kern des "Manzano-Skandals" (ausführlich im c4f Dopingarchiv ).

Die erste Woche hatte die Spannung in der Gesamtwertung nicht verringert: Im Prologzeitfahren gaben sich die Favoriten keine Blöße. In einem Massensturz auf der 1. Etappe zog sich Tyler Hamilton eine vieldiskutierte Schulterverletzung zu. Doch obwohl der Amerikaner nicht aufgeben wollte, schien sein Traum vom Toursieg jäh beendet zu sein.

Das Mannschaftszeitfahren brachte den mehr oder weniger erwarteten Sieg des US-Postal-Teams. Doch auch ONCE und Bianchi ließen aufhorchen, konnten sie den Abstand für ihre Kapitäne doch in engen Grenzen halten. Laurent Jalabert erhob Jan Ullrich gar wieder in die Rolle des ersten Herausforderers: Einen solch starken Fahrer während eines Mannschaftszeitfahrens habe er noch nie gesehen, stellenweise habe er über mehr als einen Kilometer geführt!

So wurde mit Spannung die erste Bergetappe nach Morzine erwartet: Wie würden sich die Favoriten positionieren? Tagessieger Richard Virenque nutzte die Gelegenheit, sich als „erster Nebendarsteller“ ins Gespräch zu bringen. Er schlüpfte nicht nur ins „Maillot Jaune“ sondern rückte seinen Traum vom sechsten Bergtrikot der Tour ein ganzes Stück näher. Vertretungsweise trug dieses am nächsten Tag jedoch Rolf Aldag. Der hatte bei einem beherzten Ritt nach Morzine Virenque zeitweise sogar das Hinterrad gezeigt, obwohl der „Lange Anklamper“ bisher kaum als Berglöwe bekannt war…

Außerdem stieg - oder sollte man besser schreiben: fiel - ein gewisser Jesus Manzano vom Kelme-Team nach einem Schwächeanfall vom Rad. Eine Randnotiz mit Folgen... (siehe Infokasten).

Und die Hauptdarsteller? Aitor Gonzales fuhr mit vier Minuten Verzögerung über die Ziellinie. Gilberto Simoni gar kämpfte sich neben Santiago Botero über sechs Minuten nach dem Hauptfeld ins Ziel und gestand, den Tränen nahe, dass sein Tourtraum zu Ende sei.

David Millar dagegen, eigentlich kein ausgewiesener Berggott, taucht im Tagesergebnis als Achter auf, und auch Michael Rogers zeigte als Etappenvierter, dass er die Deutschland-Tour des Jahres 2003 nicht aus Versehen gewonnen hatte. Alle anderen Anwärter auf den Toursieg bewahrten ihr Pokerface…

 



Der Thron wackelt



Kometenhafter Aufstieg für Iban Mayo: Der Sieg in L´Alpe d´Huez, dem nur noch das Verglühen folgte.

Zur Siegerehrung nach der 8. Etappe sah die Welt ein gewohntes Bild: Lance Armstrong streift das Gelbe Trikot über. Doch der Eindruck, alles wäre wie immer, täuschte gewaltig. In den Kehren hinauf nach Alpe d´Huez wackelte der Thron des Seriensiegers wie noch nie zuvor in den Jahren seiner Dominanz. Dabei schien alles nach Plan zu laufen…

… und dieser Plan war allen bekannt, die in den letzten Jahren die Tour verfolgt hatten: Die Mannschaft mit den dunkelblauen Trikots hielt die wilde Herde bis zum letzten Berg zusammen, um dann das Tempo so hochzufahren, dass ernstgemeinte Attacken auf den „Boss“ unterblieben oder aber schnell neutralisiert werden konnten.

Und genau das passierte bei der Anfahrt des Schlussanstieges dieser Etappe: Das US-Postal-Team sprintete in den Berg hinein, als zögen sie die letzten 1000 Meter für Alessandro Petacchi an… und das Feld zog sich in die Länge… und die ersten Fahrer verloren den Kontakt zur Spitze… und schließlich formierte sich in rasender Bergauffahrt eine kleine Gruppe aus Fahrern, die nur einen Gegner kannten: Lance Armstrong. Joseba Beloki war darunter, ebenso Tyler Hamilton. Neben Iban Mayo fuhr mit Haimar Zubeldia ein weiterer Fahrer des baskischen Euskatel-Teams mit, dazu Ivan Basso, der längst Aitor Gonzales als nominellen Kapitän der Fassa-Bortolo-Mannschaft abgelöst hatte. Alexandre Vinokourov kämpfte verbissen um Anschluß. Dagegen war schon nach diesen ersten Metern klar, dass es für Jan Ullrich nur um Schadensbegrenzung gehen konnte. (Die Begründung für seine Schwäche soll später noch ein paar Zeilen wert sein.) Von Gilberto Simoni, der völlig wie neben sich fuhr, ganz zu schweigen… Die Entscheidung dieses Tages spielte sich ohne sie ab, die anderen Herausforderer trumpften dagegen auf: und wie!

 

Den ersten Vorstoß wagte ausgerechnet einer, dem seit Jahren das Image des „Hinterradlutschers“ anhing: Joseba Beloki. Und mit Erstaunen registrierten Fachwelt und Laien, dass Lance Armstrong keineswegs nachsetzte – war das gewiefte Taktik oder Unvermögen? Letztere Möglichkeit reizte Tyler Hamilton aus – trotz bandagierter Schulter zog er die nächste Attacke an. Diesmal reagierte Armstrong, für einen Moment sah es sogar aus, also wolle er kontern. Doch Iban Mayo und Tyler Hamilton und sogar Haimar Zubeldia schien es keine Mühe zu bereiten, dem Mann zu folgen, der in den vergangenen Jahren alle am Berg geradezu degradierte. Und so setzte sich das Spiel munter fort: Beloki wurde eingeholt, griff aber im Wechsel mit Hamilton gleich darauf aufs Neue an. Armstrong ließ sich immer wieder an die Ausreißer heranchauffieren, bis Iban Mayo die allgemeine Pattsituation mit einem kraftvollen Antritt ausnutzte. Wie er der Gruppe davonflog! Staunende Münder am Straßenrand und vor den Bildschirmen… Hinten dagegen weiter Taktieren, was nachfolgenden Fahrern wie Ivan Basso ermöglichte, wieder zur Gruppe aufzuschließen. Und Alexandre Vinokourov sogar dazu einlud, gleich durchzustarten: Wie auf Kommando von Eurosport-Kommentator Jens Heppner zog er von hinten durch die Reihen und machte sich auf die Verfolgung von Mayo. Den erreichte er zwar nicht mehr, aber vor der Armstrong-Gruppe wurde er doch Tageszweiter. Der „Boss“ wehrte sich bis zum Zielstrich mehr schlecht als recht gegen die Angriffe seiner Herausforderer und überquerte ihn letztlich als Dritter, doch souverän hatte diese Vorstellung des Titelverteidigers keineswegs ausgesehen…

 



Ein Herausforderer mehr, ein Herausforderer weniger



Joseba Beloki 2004 über seinen Sturz: "Ich habe bestimmt 1000 Mal davon geträumt. Alles lief gut, ich habe mich gut gefühlt, war zufrieden mit meinem Zeit-Rückstand und mit meinem zweiten Platz im Gesamtklassement. Die Pyrenäen kamen und ich war mir sicher, dass dort die Entscheidung fallen würde..."

Die folgende Etappe brannte sich durch zwei Ereignisse in die Tourgeschichte ein. Zum einen durch den dramatischen Sturz von Joseba Beloki: der Spanier, der am Vortag mit Nachdruck seine Anwartschaft auf die Armstrong-Nachfolge untermauert hatte, stürzte in der rasenden Abfahrt zum Ziel und musste schwer verletzt alle seine Träume vom Toursieg begraben. Zum anderen die darauf folgende Querfeldeinfahrt von Lance Armstrong: Ohne eine Sekunde zu zögern wich der Amerikaner dem vor ihm Gestürzten aus und kürzte über einen brach liegenden Acker die Straßenserpentine ab. Sein Wiederaufstieg aufs Rad, der sich um die heranrasenden Verfolger nicht kümmerte, bekräftigte die Abneigung aller, die in Armstrong ein emotionsloses Sportmonster sahen – dieser Mann schien sich auf seinem Weg in den Tourolymp keinen Deut um Wohl und Wehe seiner Konkurrenten zu scheren.

Für den weiteren Verlauf der Jubiläumstour war das Ausscheiden Belokis ein herber Verlust – so beherzt wie nach Alpe d´Huez sollten sich die Favoriten nicht noch einmal fordern. Die Lücke in der Reihe der Aspiranten auf den Gesamtsieg schloß aber im selben Moment Alexandre Vinokourov: Sein Angriff bei der letzten Bergwertung brachte dem ungestümen Kasachen nicht nur den Tagessieg. Er rückte ihn in der Gesamtwertung auch bis auf 21 Sekunden an Lance Armstrong heran!

 



Der Anfang vom Ende?

Den nächsten Paukenschlag aber setzte der Kronprinz der vergangenen Jahre: Beim ersten langen Einzelzeitfahren fuhr sich zum ersten Male seit 1998 wieder Jan Ullrich auf das Siegerpodest einer Touretappe: Was für ein Comeback! Denn nicht nur die Tatsache, dass Ullrich seinem Erzgegner Armstrong im Kampf gegen die Uhr überlegen war, beeindruckte. Auch der Sieg über die Umstände – ein verlorenes Jahr nach Verletzung, Reha und Dopingsperre, Weggang vom „Mutterstall“ Telekom, die Querelen um das Team Coast / Bianchi – forderte Respekt. Am meisten aber nahmen die nackten Zahlen den Atem: 96 Sekunden hatte Ullrich dem Zeitfahrperfektionisten Armstrong abgenommen – über anderthalb Minuten! Diese Niederlage musste dem Titelverteidiger geradezu als Demütigung erscheinen. Und auch die Frage, ob Ullrich wieder ein Wörtchen bei der Vergabe des Toursieges mitreden könne, war beantwortet: mit einem vollständigen Satz.



Rätsel der Taktik



Der neue Kapitän im Team Telekom brachte nicht nur seinen Vorgänger ins Schwitzen: Alexandre Vinokourov.

Gleich am nächsten Tag halbierte sich der Abstand zwischen Titelverteidiger und seinem ärgsten Verfolger noch einmal: Bis auf 15 Sekunden rückte Ullrich dem texanischen Seriensieger in den Nacken. Die Fahrt zum Ziel in Ax-Bonastre aber ließ die Experten rätseln: Warum hatte Ullrich nicht eher angegriffen? Armstrong schien entkräftet und demoralisiert von seiner Niederlage vom Vortag, und die „Attacke“ von Ullrich auf dem letzten Kilometer war eigentlich auch eher ein Fallenlassen Armstrongs – er konnte dem Tempo des gleichförmig voranstürmenden Bianchi-Kapitäns einfach nicht mehr folgen. Wäre es der psychologische Knockout gewesen, hätte Ullrich sich an diesem Tag das Maillot Jaune erobert?

Die folgende Etappe nach Loudenville legte die Stirn der Fans und Fachleute noch mehr in Runzeln: Warum zur Hölle machte dieser Ullrich nicht den Sack zu? Oder brachte Armstrong wenigstens in Zugzwang? Die Gelegenheit war wie dafür geschaffen…

Am letzten Anstieg der Etappe nach Loudenville befand sich das Feld der Favoriten noch zusammen. An der Spitze lag eine Gruppe um Richard Virenque, der sein Bergtrikot sichern wollte, und Gilberto Simoni, dem nach einer völlig verkorksten Alpenwoche der Sinn nach einem Etappensieg stand. Die Führenden waren keine Gefahr für das Gesamtklassement. Also konnte man gespannt sein: Würde hinten im Feld Jan Ullrich einen erneuten Angriff auf das Gelbe Trikot wagen? Oder Lance Armstrong die Gelegenheit zum Konter nutzen? Doch Ullrich war unschlüssig und Armstrong wartete ab. Diese Einladung nahm Iban Mayo gerne an und zog davon. Wenige Sekunden später löste sich auch Alexandre Vinokourov aus dem Feld und stampfte Mayo nach, um ihn schließlich einzuholen und mit ihm gemeinsam den Gipfel des Peyresourde entgegenzustürmen. Und hinter ihnen? Hinter ihnen passierte etwas Seltsames – nämlich gar nichts! Die Reporter fragten sich selbst und das ratlose Fernsehpublikum: Warum reagierte Ullrich nicht, ging sogar in die Nachführung, warum hielt Armstrong still? Besonders ersteres blieb ein Rätsel dieser Frankreichrundfahrt: Wäre es nicht Armstrongs Aufgabe gewesen, die Verfolgung zu organisieren? Schließlich hatte er das Leadertrikot zu verteidigen, Vinokourov lag keine anderthalb Minuten hinter ihm! Warum überließ Jan Ullrich nicht dem „Boss“ die Arbeit, um zu sehen, ob er heute angreifbar wäre? Vielleicht kostete diese Unschlüssigkeit (um nicht taktische Tollpatschigkeit zu schreiben) ihn schon hier den Gesamtsieg. Armstrong meinte jedenfalls nach der Etappe, dass er im Moment, als der Kasache antrat, nicht die Kraft zum Nachsetzen hatte und er erst später, kurz unterhalb des Gipfels, wieder in die Arbeit einsteigen konnte. So aber zog Jan Ullrich geduldig, treuherzig und gleichmäßig stampfend den Tross hinauf gen Peyresourde, um am Abend dieses Tages keine einzige Sekunde auf Armstrong gewonnen zu haben. Im Gegenteil, er hatte sich noch einen weiteren Gegner aufgebaut: Alexandre Vinokourov, der sich bis auf 18 Sekunden an Armstrong und auf 3 Sekunden an Ullrich herankämpfte.

 



Adrenalin pur: Das Imperium schlägt zurück



Lance Armstrong: "Jan hat sehr stark attackiert am Tourmalet. Ich dachte, aus taktischer Sicht ist das kein guter Zeitpunkt. Der Tourmalet ist lang und Luz-Ardiden kam ja auch noch. Ich blieb 5 bis 10 Sekunden hinter Ullrich. Aber er war sehr stark. Ich dachte, wenn er so weiterfährt, dann gewinnt er heute die Tour."

Den Fehler, einen angeschlagenen Armstrong nicht anzugreifen, wollte Jan Ullrich wohl nicht noch einmal begehen – doch leider hatte er sich für seine nächste Attacke den falschen Tag ausgesucht. So ungefähr könnte man im Rückblick die entscheidende Bergetappe dieser Jubiläumstour umschreiben. Am Anstieg zum Col du Tourmalet, dem vorletzten Gipfel vor dem Schlussanstieg nach Luz-Ardiden, setzte Jan Ullrich alles auf eine Karte und attackierte. Lance Armstrong ließ den Herausforderer ziehen und verhielt sich so, wie sonst Ullrich auf seine eigenen Angriffe reagierte: Er fuhr seinen Rhythmus und hoffte auf ein Schwächeln des Gegners. Und wieder einmal war er damit der Klügere: Ullrich erarbeitete sich zwar einen kleinen Vorsprung und hatte sogar das Wetter auf seiner Seite – im wolkenverhangenen Tourmalet sankt die Sicht auf unter hundert Meter – aber entscheidend kam er nicht weg. Armstrong zollte später der Courage seines Gegners Respekt (siehe Zitat) – was ihm allerdings nicht schwer von den Lippen gekommen sein dürfte in Anbetracht der Tatsache, dass der „Spuk“ nach wenigen Minuten vorüber und die Gruppe um Armstrong, Mayo, Ullrich und Zubeldia wieder gemeinsam gen Gipfel zog.

Einen jedoch hatte dieser Schlagabtausch schwer getroffen, obwohl er gar nicht gemeint war: Alexandre Vinokourov hatte Besuch vom „Mann mit dem Hammer“ und fiel wie ein Stein durchs Peloton zurück. Den Tourmalet überquerte er mit über vier Minuten Rückstand auf Armstrong und Ullrich…

 

Nun wartete alles gespannt auf den letzten Anstieg hinauf nach Luz-Ardiden. Die Gruppe der Favoriten hatte sich wieder vergrößert, gemeinsam verfolgte sie nun Silvain Chavanel, der einsam an der Spitze gegen Hitze, Steigung und sein Schicksal kämpfte.

Die folgenden Szenen schrieben Tourgeschichte: Armstrong greift an, Mayo und Ullrich folgen, aus den Zuschauerreihen wedelt eine gelbe Plastiktüte, in der sich Armstrongs Lenker verfängt. Armstrong stürzt! Mit ihm Iban Mayo!

Jan Ullrich kann ausweichen und – zaudert. Dreht sich um. Fährt weiter. Dreht sich wieder um. Wartet er auf seinen Erzrivalen? War das Fairness oder der fehlende Killerinstinkt? Wie auch immer, Zuschauer und Medien waren sich einig: Jan Ullrich wartete auf seinen am Boden liegenden Gegner, bis dieser wieder – nach einer erneuten Schrecksekunde, in der er aus dem Pedal rutschte und beinahe wieder stürzte – zur Favoritengruppe aufgeschlossen hatte. Und wurde eiskalt erwischt, als Iban Mayo den nächsten Angriff setzte, dem Lance Armstrong nicht nur folgte, sondern den er auch noch verlängerte und zu einem Höllenritt gen Luz-Ardiden ausbaute. Zum ersten Mal bei dieser Tour konnte man den Lance Armstrong sehen, der all die Jahre zuvor seine Gegner in Grund und Boden gefahren hatte – und dieser eine Auftritt war tödlich. Zwar kämpfte sich Ullrich bis zum Ziel wieder ein paar Sekunden heran, aber sein Rivale lag jetzt wieder eine Minute und sieben Sekunden vor ihm.

Und was war der Grund für diese „Wiederauferstehung“ Armstrongs? Pures Adrenalin! „Ich habe mir nach dem Sturz gesagt: " 'Willst Du die Tour gewinnen? Dann musst Du sie jetzt gewinnen!` Und dann bin ich angetreten.“ Der Sturz, der anderen die Moral genommen hätte, war für den „Boss“ erst der entscheidende „Kick“.

 



Eintritt in den Radsport-Olymp

Den entscheidenden Schritt zum fünften Gesamtsieg in Folge hatte Lance Armsrong damit getan. Das abschließende Regenzeitfahren konnte ihn ebenso wenig in Bedrängnis bringen wie der kuriose Versuch Jan Ullrichs, in Zwischensprints Zeit gutzumachen, oder die nicht weniger zum Lächeln anregende Zeitstrafe für ausgelassenes Sekttrinken, die Armstrong auf der „Tour d´Honneur“ am letzten Tag verpasst bekam.

 

So hatte der Amerikaner also seiner Legende ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Die Radsportwelt hatte dabei sehr wohl bemerkt, dass der Dominator sich trotz seines Sieges zum ersten Male verwundbar gezeigt hatte. Auch die gehörige Portion Glück, die er in Anspruch nehmen musste, um seinen Titel zu verteidigen, war niemandem verborgen geblieben. So gesellte sich zu den unterschiedlichsten Empfindungen, die Armstrongs Eintritt in den Klub der „Fünfer“ auslöste, noch ein ganz anderes Gefühl: die Vorfreude auf spannende Rennen der Zukunft. Denn hatte diese Jubiläumstour nicht neue, ernsthafte Konkurrenz für den „Boss“ hervorgebracht? Hatten Beloki, Hamilton, Mayo, Vinokourov und Ullrich nicht bewiesen, dass sie sich auf Armstrongs Augenhöhe gekämpft hatten? Waren mit Haimar Zubeldia und Ivan Basso nicht junge Fahrer in die Spitze aufgeschlossen, die für die Zukunft einiges versprachen? War diese Tour 2003 vielleicht tatsächlich die Götterdämmerung, der letzte Sieg eines scheidenden Champions?

 




Fliegender Wechsel bei Fassa Bortolo während der Tour 2003: Aitor Gonzales musste die Kapitänsrolle dem jungen Ivan Basso überlassen. Der Italiener entwickelte sich zum heißen Anwärter auf Armstrongs Nachfolge, während der "Terminaitor" nach einer positiven Dopingprobe 2006 kleinere Brötchen backen muss.



Lange Schatten und viele Fragezeichen

Knapp drei Jahre nach dieser denkwürdigen Tour de France 2003 ist nicht viel geblieben vom Glanz dieses denkwürdigen Rennens. Der Traum von glanzvollen Radsportjahren erwies sich als schöne Illusion, die mit der Realität nichts gemein hat. Die Aufzählung der weiteren Schicksale der Helden von 2003 ist an deprimierender Wirkung nur mit dem der Sprints von Alessandro Petacchi auf seine Konkurrenten zu vergleichen…

 

Lance Armstrong gab noch zwei Jahre den „Boss“ im Tourtross, um sich dann ungeschlagen in den Ruhestand zu verabschieden. Er hinterließ eine Rekordserie – und eine Urinprobe von 1999, die punktgenau zu seinem Abschied mit neuesten Methoden „positiv“ auf EPO getestet wurde. Tyler Hamilton erlangte Ruhm durch seinen Olympiasieg in Athen – und dadurch, dass er als erster Radprofi in die Analen einging, dem Fremdblutdoping nachgewiesen werden konnte. Iban Mayo und Haimar Zubeldia verschwanden von der Bühne der Topfahrer – wie das gesamte Euskatel-Team. Auf die beiden einzigen großen Siege der Orangenen bei der Dauphiné und der Tour de Suisse 2005 folgten positive Dopingbefunde der Sieger Landaluze und – Aitor Gonzales Jimenez. Auch dieser Name war vor der Tour 03 mit Hoffnungen verbunden gewesen…

Joseba Beloki wiederum, der Lance Armstrong 2003 so feurig Paroli bot, kam nach seinem Sturz lange nicht wieder in Tritt. Das Team Boulanger-Brioches verließ er im Streit, da ihm nach eigenen Angaben wichtige Asthma-Medikamente von der Teamleitung versagt worden seien. Bei Saunier-Duval fiel er außer durch Erfolglosigkeit nicht weiter auf. Nach der „Heimkehr" zu Manolo Saiz´ Liberty Seguros-Team scheint er langsam wieder Fahrt aufzunehmen – im Schatten der Dopingsperre seines Kapitäns Roberto Heras. Santiago Boteros Episode beim Team Telekom blieb ruhmlos, nach seinem Wechsel zum Team Phonak taucht sein Name allerdings wieder in den Siegerlisten auf – wie auch der Name seines neuen Teams in den Schlagzeilen um Dopingbetrug im Radsport.

 




Bewundernswert? Tyler Hamilton gab den großen Kämpfer in scheinbar aussichtsloser Lage. Auch nachdem ihm 2004 Doping mit Fremdblut nachgewiesen wurde. David Millar prägte ebenfalls das Bild der Tour 03, er gewann das zweite Zeitfahren. Obwohl nie positiv getestet, gestand er ein halbes Jahr später EPO-Gebrauch im Rahmen der Cofidis-Affäre.



Was bleibt?

Die Tour de France 2003, Gipfeltreffen einer Generation von Radsportlern. Am Start standen die amtierenden Sieger aller großen Rundfahrten, dazu die hoffnungsvollsten Anwärter auf den Radsportthron… Aus dieser illustren Schar sind drei Namen übrig geblieben, die seitdem ohne Vermutungen, Auffällig- oder Merkwürdigkeiten zur Weltspitze der Rundfahrer gehören. Und die auch nach dem endgültigen Ende der Ära Armstrong noch zu den Anwärtern auf die Nachfolgerschaft gehören: Gilberto Simoni, Alexandre Vinokourov und Jan Ullrich.

Jedoch, wenn man unbedingt will, kann man nach der „verdorbenen Infusion“ Ullrichs während der Tour 03 am Tag vor der Etappe nach Alpe d´Huez fragen… Oder sich von Gilberto Simoni noch einmal die Geschichte von den Kokainbonbons seiner Tante erzählen lassen… Oder sich die die Anfangstage von Alexandre Vinokourov beim französischen Casino-Team in Erinnerung rufen, das im Jahr 1998 sechsundsechzig Siege feierte und dessen Protagonisten (u.a. Järmann, Durand, Elli, Hamburger) allesamt eigene Erfahrungen mit den Dopingkontrollbehörden machen durften…

Auch wenn diese drei „Last Man Standing“ der Tour 2003 ein wichtiges Wörtchen bei der Fortschreibung der Tourgeschichte mitreden wollen und können – was ihre Glaubwürdigkeit angeht, gehören sie doch der Vergangenheit und Gegenwart der „Grande Boucle“ an - und nicht - das mag ein Trost und eine Hoffnung sein – deren möglicher Zukunft.

 

Mag sein, dass dies alles ist, was wirklich bleibt von sieben Jahren Lance Armstrong und der spannendsten Tour dieser Ära: die Erkenntnis, dass die vielbeschworene „Tour der Erneuerung“ immer noch vor uns liegt .

 

© cycling4fans 2006, Torsten Reitler


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