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Marcel Wüst - Sprinterjahre

Titel: 
"Sprinterjahre, Glanz und Schatten einer Radsportkarriere" 
Autor: 
Marcel Wüst 
 
Verlag: 
Moby Dick Verlag 
 
Preis: 
€ 19,90 
ISBN: 
3-7688-5212-1 


 



5. Juli 2000 - “Jetzt wussten es alle, die ganze Welt wusste es: Ich war Etappensieger bei der Tour de France. Klar hatte ich schon beim Giro gewonnen und auch im letzten Jahr in der ersten Vueltawoche vier Etappen abgeräumt, aber die Tour ist eben das eine Event, das dir als Radsportler die Anerkennung bringt, die du verdienst.”

 

In seiner 12jährigen Karriere ging Marcel Wüst nur zwei Mal bei der Tour de France an den Start. Und trotz seiner erstaunlichen insgesamt 12 Etappensiege bei der Vuelta a Espana brachte ihm dieser einzige Sieg in der Tour den Beifall, der ansonsten Jan Ullrich oder Erzrivale Erik Zabel zugekommen wäre. Aber es sollte nicht lange anhalten - nur wenige Wochen danach raubte ihm ein Sturz sein rechtes Augenlicht und beendete seine Karriere im Alter von 33 Jahren.

 

Tatsächlich hat dieser Tour-Sieg derartiges Gewicht in Wüsts Karriere, dass ein Foto davon das Cover seiner Autobiographie “Sprinterjahre, Glanz und Schatten einer Radsportkarriere” ziert.

 

Der kleine Marcel begann mit dem Radfahren - oder besser dem Fahren - sehr früh. Im zarten Alter von 4 benutzte er das Familienauto, um rückwärts die Einfahrt hinunterzufahren. Seine erste Fahrt auf dem Rad endete mit dem heftigen Zusammenstoß mit einem Zaunpfosten, aber sehr schnell hatte er den Bogen raus. Die Tour sah er zuerst während eines Camping-Urlaubs mit der Familie im Jahr 1973. 1977 bekam er zu seinem zehnten Geburtstag ein Peugeot-Rad mit Gangschaltung und Rennlenker. In jenem Jahr hatte der Deutsche Didi Thurau in der Tour de France geglänzt, aber Wüst beschloss, dass seinem neuen Rad kein Geringerer als Vorbild würdig war als Tour-Sieger Thévenet.

 





"Ich war trotz des für heutige Verhältnisse recht kleinen Spektakels tief beeindruct von meiner ersten Begegnung mit der Tour de France. Das hatte zur Folge, dass ich auf allen meinen hinteren Hosentaschen "Tour de France 1973" schrieb, als Beweis für meine Anwesenheit."

Im folgenden Jahr entfachte ein Radrennen in seiner Nachbarschaft Wüsts Interesse am Rennfahren. Er schloss sich dem lokalen Club an und begann schließlich damit, Rennen zu gewinnen - Sprints natürlich. Sein erster internationaler Sieg kam 1984, als er die erste Etappe und damit das Leader-Trikot in Luxemburg gewann. “Durch totale Selbstüberschätzung und taktische Fehler verlor ich es prompt am nächsten Tag wieder und war um eine Erfahrung reicher.”

 

Eine der Nachwuchsstars in Wüsts Heimatstadt Köln war Heike Gasel, die nicht nur erfolgreich sondern “mit Abstand die hübscheste unter den Radamazonen war.” Im Herbst 1987 konnte Wüst seine Schüchternheit überwinden und die beiden wurden ein Paar.

 

Erstes Rennen, erster Sieg!

 

Im Juli 1988 unterschrieb er seinen ersten Profi-Vertrag beim französischen RMO-Team, und er ging für sie im selben Jahr bei Paris - Tours als Amateur an den Start. Er gewann den ersten Zwischensprint: “Erster Sprint bei den Profis und gleich gewonnen! Mir war zwar klar, dass es sicher einer der unwichtigsten Sprints überhaupt in Profirennen gewesen war, aber trotzdem.”

 

Sein erstes richtiges Rennen als Profi war die Pyrenäen-Rundfahrt. “Ich sah das Zielbanner, noch 150 m, ich wartete noch immer, dann kam ich mit Schwung von hinten heran, und gerade als alle drei Fahrer vor mir auf gleicher Höhe um den Sieg zu kämpfen schienen, schoss ich an allen vorbei und gewann mit einer guten Radlänge Vorsprung.”

 

Er eröffnete das Jahr 1990 mit der Heirat von Heike im Januar (sich zu spät daran erinnernd, dass er sich an jenem Morgen nicht die Zähne geputzt hatte, was er niemals vergessen dürfte). In jenem Jahr fuhr er zum ersten mal den Giro und beendete die Saison mit drei Siegen. Die nächste Saison brachte ihm seine erste Vuelta-Teilnahme (die damals noch im Frühjahr abgehalten wurde) und er trug das Trikot des besten Sprinters, bis ihn Darmprobleme außer Gefecht setzten.

 

1992 konnte er sich endlich bei der Teamleitung für das Tour-Team empfehlen. Die Tour startete in Spanien, und Wüst brachte es fertig, als erster Fahrer überhaupt bei der Tour zu starten und es nicht einmal bis nach Frankreich zu schaffen. Ein Sturz am letzten Berg der ersten Etappe hinterließ ein in zweifach gebrochen Schlüsselbein.

 

Wer weiß, wofür es gut war....

 

Die nächsten Jahre brachten mehr Probleme als sonst etwas. 1993 und 1994 fuhr Wüst für Histor Novemail, ein Team das kein Trainingslager abhielt, sondern lediglich für die Präsentation und das Team-Foto zusammenkam. “Ich hatte hier das Gefühl, der Rennfahrer sei ein Störfaktor, der allen auf die Nüsse ging.” Auch 1995 wurde es nicht besser, als er für das neue französische Team Le Groupement fuhr - allerdings nur ein halbes Jahr lang. Wenige Tage vor der Tour rief einer der Sportdirektoren Wüst an: “Die schlechte Nachricht ist, dass wir nicht zur Tour fahren, und die ganz schlechte, dass es die Mannschaft nicht mehr gibt und du auch für Juni schon kein Geld mehr bekommst.

 

Wüst scheint allerdings immer wieder auf den Füssen zu landen, denn er ergatterte einen Vertrag für den Rest der Saison bei Castellblanch/MX-Onda, einem spanischen Team, das bei der Vuelta gut aussehen wollte. Er gewann drei Etappen, einschließlich der Schlussetappe in Madrid.

 

Bei einem dieser drei Siege schlug er Erik Zabel von Telekom. “Am folgenden Tag passierte etwas, woran ich mich den Rest meiner Karriere störte, denn so etwas kommt unter Sportlern normalerweise nicht vor,” sagt er. Bei der Einschreib-Kontrolle vor der Etappe traf er auf Zabel. “Ich sagte ‘Morgen, Ete, alles klar?’, oder etwas Ähnliches. Statt einer Antwort blieb er stehen und schaute mich an, erst von oben nach unten, dann wieder von unten nach oben und ging wortlos weiter. Ich war geschockt - was war das denn für eine Art? So etwas macht man nicht, Punkt. ... Das Dumme an solch verunglückten Begegnungen ist, dass es keine zweite Chance gibt, einen ersten Eindruck zu machen. So kam es, dass ich mit Ete nie recht warm wurde, obwohl ich mit allen anderen Sprintern im Feld gut klar kam.

 

Er hatte jedoch Probleme mit dem sportlichen Leiter seines neuen Teams. Er blieb zwar während der Saison ’96 beim Team, unterzeichnete aber früh bei Festina für die nächste Saison. Er lag immer noch im Kampf mit seinem Sportdirektor, als er, völlig außer Form, bei der Vuelta an den Start ging. Der Tiefpunkt war erreicht, als er nicht nur wegen Festhaltens am Teamfahrzeug disqualifiziert, sondern auch noch zwei Wochen gesperrt wurde.

 

Festina: die "superjeile Zick"

 

Im Januar 1997 fing er bei seiner neuen Mannschaft an. “In den fünf Jahren, die ich bei Festina unter Vertrag stand, gab es viele Höhen, einige - leider - ganz tiefe Tiefen, aber vor allem das, was eine Mannschaft ausmacht: Zusammenhalt.

 

1998 war natürlich der große Festina-Dopingskandal bei der Tour. Wüst war nicht im Tour-Team und handelt die ganze Angelegenheit auf zwei Seiten ab. Die Frage des Dopings innerhalb des Teams behandelt er nicht, und er scheint mehr über die Berichterstattung irritiert als über irgendetwas anderes.

 

Das Jahr war jedoch auch persönlich sehr wichtig für Wüst. Eine unerwartete aber lang ersehnte Schwangerschaft half ihm, mit den Schwierigkeiten des Teams klarzukommen. Er gewann zwei Vuelta-Etappen, und fast unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Madrid fuhr er seine Frau Heike zur Geburt seines Sohnes Alexander ins Krankenhaus.

 

Wüst war für einen Einsatz bei Paris - Tours wenige Tage später vorgesehen, aber seine Prioritäten hatten sich verändert, und Training gehörte nicht mehr zu ihnen. “Freitag regnete es und ich verbrachte den Tag komplett bei Heike und Alexander im Bett. ... Wie ein neu geborenes Baby riecht, das ist ja fantastisch! ... Dann die kleinen Fingerchen und das wohlige Grunzen, wenn er bei Heike an der Brust lag und trank. Dagegen war ein Weltcuprennen doch bedeutungslos. Abends rief ich Juan an und erklärte ihm die Lage der Dinge genau so. Er begriff, dass ich derzeit keine Bereicherung für die Mannschaft sein würde, und entließ mich in die Winterpause.

 

Er war für die Tour ’99 eingeplant, aber ein Sturz bei einem Kriterium Anfang Juni und der daraus resultierende Schlüsselbeinbruch beendeten diese Planungen. Dafür rundete er das Jahr mit vier weiteren Vuelta-Etappensiegen ab.

 

Das Jahr 2000 brachte Wüst endlich eine erfolgreiche Tour de France, and er konnte dabei einen überraschenden Coup landen. Das Rennen hatte keinen Prolog, sondern startete mit einem normalen Zeitfahren, was bedeutete, dass die Sprinter sich keine Chancen für das grüne oder gelbe Trikot ausrechnen konnten. Was tun? Scheinbar bemerkte Wüst als einziger, dass das Zeitfahren einen Anstieg mit Punkten für die Bergwertung beinhaltete. Er rechnete sich aus, dass dies die beste Chance war, ein Wertungstrikot zu bekommen - und sicherlich die einzige Chance auf das Bergtrikot - und holte es sich. Ein Sprinter im rotgepunkteten Trikot!

 

Zwei Etappen später kämpfte er um seinen ersten Tour-Etappensieg, wurde zweiter hinter Tom Steels aber vor Erik Zabel. Ein Journalist stellte ihm “die dümmste aller Fragen”: Ob er nicht zufrieden sei, Zabel geschlagen zu haben? Seine Antwort: “Was soll denn der Quatsch? Ich bin doch nicht auf der Tour, um gegen Zabel zu fahren, ich bin hier um eine Etappe zu gewinnen. Und wenn du mal deine Hausaufgaben machen würdest, dann wüsstest du, dass ich deinen Zabel schon oft genug versenkt habe. Ich will gewinnen, egal gegen wen, und stell mir nicht mehr so blöde Fragen!

 

Schließlich geschah es, und Wüst konnte seinen Kindheitstraum wahr machen. “Aus dem Windschatten zog ich sofort heraus, und als ich den Kopf kurz hob, sah ich, dass ich es schaffen würde. Bei diesem Geschwindigkeitsunterschied würde es gelingen, noch vor dem Ziel vorbeizuziehen. Das gab natürlich noch mal einen Extraschub Motivation - Kindheitstraum, ich komme ! - vorbei an allen auf der Ziellinie von Vitre! Ganz eng, um nicht einen weiteren Bogen als unbedingt nötig fahren zu müssen, zog ich an Zabel vorbei und hatte danach noch die Zeit, beide Arme in den Himmel zu stemmen..” Endlich hatte er die Anerkennung erreicht, die ihm so lange versagt geblieben war. “während dieser ganzen Zeit war ich konstant von Menschen umringt, die irgendetwas von mit wissen wollten. Kamerateams, Radio- und Print-Journalisten, alle taten so, als habe ich etwas vollständig Fantastisches geleistet. Natürlich war das auch ein grandioses Ding. Aber war es denn wirklich eine Überraschung? ... Es war natürlich eine Genugtuung, wenn jetzt auch der Letzte verstanden hatte, dass ich kein ‘Zufallssprinter’ war, sondern ebenfalls Weltklasse. Dass aber sogar einige Radsportjournalisten dafür einen Touretappensieg präsentiert bekommen mussten, das hat mich damals schon gewundert.

 

Die guten Zeiten sollten nicht lange währen.

 

Der 10. August 2000 begann gut für Wüst - zehn Stunden Schlaf und ein besonders gutes Frühstück. Dann Aufbruch zu einem Kriterium-Rennen und dessen abruptes Ende “Dass ich gestürzt bin, war mir unmittelbar klar, aber wie es genau dazu kam, was ja heute eigentlich auch völlig unwichtig ist, das ist komplett weg. Ich habe eine vage Erinnerung daran, dass ich mit vielen Menschen um mich herum schreiend auf dem Boden liege, aber alles wie durch eine Milchglasscheibe wahrnehme. Mir ist heiß und kalt zugleich, und das Stimmengewirr hört sich ganz weit weg an ... dann reißt der Film.

 

Trotz seiner Erinnerungslücken schreibt Wüst sehr detailliert über die Verletzungen, die Krankenhäuser, die Behandlungen. Besonders interessant ist ein längerer von Heike Wüst verfasster Abschnitt, in dem sie ihre Wahrnehmung der Situation beschreibt.

 

Das Leben geht weiter

 

Wüst kehrte 2001 zur Tour zurück, allerdings als Journalist und Kommentator für das deutsche Fernsehen. Er gehörte immer noch dem Festina-Team an, aber die Firma beendete ihre Sponsorentätigkeit. Das neue deutsche Team Coast brauchte Unterstützung - die Lösung lag auf der Hand. Marcel Wüst wurde Team-Manager, und zwei sportliche Leiter, der Teamarzt, drei Masseure, drei Mechaniker und sechs Rennfahrer wechselten mit ihm zu Coast.

 





"From hero to zero -- das geht manchmal ganz schnell. ... Es dauerte schon eine Weile, bis ich begriff, dass mein Leben vollständig anders werden würde. Ich war Radsportler mit Leib und Seele gewesen -- aber alle Träume, alle Hoffnungen, alle Ziele dieser "aktiven" Zeit waren nun zerstoben."

Aber es lief nicht rund, und von Beginn an hatte Wüst Probleme mit dem Geschäftsgebaren von Dahms. Das Team schlich sich nicht ganz erfolglos durch die Saison, aber “nach Saisonende verdichteten sich dann die einzelnen dunklen Wolken mehr und mehr.” Dann landete ein bestimmter deutscher Rennfahrer auf dem Markt, und Dahms war völlig scharf darauf, ihn unter Vertrag zu nehmen. Wüsts Ratschlag war: “Wenn du ihn alleine finanzieren kannst, wäre es das das Beste, was uns allen passieren kann. ... Wenn du einen Co-Sponsor brauchst, um ihn zu finanzieren, dann verpflichte ihn NICHT in der Hoffnung, dass dieser Co-Sponsor dann schon auftaucht, nur weil du Ullrich hast.

 

Dieser weise Rat blieb unbeachtet. Ullrich wurde verpflichtet und brachte seinen ganzen Stab von Helfern mit. Wüst war nun nur noch Pressesprecher des Teams, und seine meistgestellte Frage lautete, wie kann Dahms sich das alles leisten? Die kurze Antwort war natürlich, dass er das nicht konnte.

 

Am Ende übernahm Bianchi das Team und bot allen Rennfahrern Verträge an, die allerdings “bis zu 60% niedriger waren als die bisherigen Verträge” was natürlich zu Unzufriedenheit führte. Wüst machte nicht beim neuen Team weiter, welches die Saison auch nicht überlebte. Seitdem hat er weiterhin als Kommentator für das deutsche Fernsehen gearbeitet und weitere journalistische und Werbe-Aktivitäten verfolgt.

 

Während der Tour 2004 kehrte er zur Szenerie des Sturzes zurück, der seine Karriere beendet hatte. Er saß auf einem Bordstein in der Nähe des Unfallgeländes und wischte sich die Tränen weg, “weniger Tränen des Kummers und der Verzweiflung, sondern eher die Art von Tränen, in denen sich die Erinnerung an vergangene Schmerzen schließlich langsam auflösen kann.” Und es brachte ihm eine Erkenntnis: “Als ich dort in Issoire gesessen und Tränen vergossen habe, hat sich ein wichtiger Kreis meines Lebens geschlossen. Das Schöne ist, dass ich in diesem Kreis nicht gefangen bin, sondern in gewisser Weise hinaustreten konnte. Wenn ich will kann ich mich umdrehen und hineinschauen. Wenn ich aber nicht will, dann drehe ich ihm einfach den Rücken zu und schaue mit Optimismus nach vorne - zwar nur noch mit einem Auge, aber nach vorne! Wichtig ist die Richtung!

 

von Tick, Übersetzung von Joaquin

Januar 2005


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