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Geschichte Deutscher Radsport



Radsport im "Kalten Krieg"

von torte



1960 - Ein besonderes Jahr für den deutschen Radsport

Das Jahr 1960 war ein ereignisreiches für den deutschen Radsport. Für den deutschen Radsport? Im Jahr 1960 gab es bekanntlich zwei Staaten auf deutschem Boden, mit sehr unterschiedlichen Systemen. Politischen wie auch sportlichen. Aber in beiden gerieten die Radsportler in diesem Jahr ins Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses. Das erste Großereignis stand im Mai an: Die Internationale Friedensfahrt der Radamateure mit Ziel in Berlin. Der Verlauf dieser Rundfahrt stellte alle vorherigen in den Schatten, der Gesamtsieger Erich Hagen stand erst auf dem Zielstrich in Berlin fest…

 

Bei der Tour de France tauchte aus dem Nichts der Name Hennes Junckermann auf, der Kölner wurde im Gesamtklassement sensationell Vierter. Noch heute schwören Zeitzeugen, Junkermann hätte die Tour gewonnen, wenn er doch nur etwas beherzter attackiert hätte…

 





Täve Schur:
"Wenn es die Friedensfahrt nicht gegeben hätte, hätte ich die Erfolge nicht gehabt. Ich habe die im Frühjahr gebraucht, davon habe ich das ganze Jahr gelebt. Dazu die Begeisterung der Menschen. Das habe ich eigentlich nur noch bei der WM damals am Sachsenring 1960 gehabt. Das verpflichtet, das lässt einen nicht los. Die Postfrau hat bündelweise, seesackweise Post gebracht."
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Im August des Jahres fanden die Weltmeisterschaften statt. Zum ersten Mal in einem sozialistischen Land, zum ersten Male nach dem Krieg auf deutschem Boden – in der DDR. Bei den Amateuren war „Täve“ Schur klarer Favorit, doch am Ende siegte sein Freund Bernhard Eckstein. „Täves“ Legende aber wurde in diesem Rennen geboren…

 

Und knapp 4 Wochen später wurden die olympischen Radwettbewerbe in Rom gestartet. Die gemeinsame Nationalmannschaft beider deutscher Staaten bestand ausnahmslos aus Fahrern mit DDR-Pass. Hoch favorisiert errangen sie im Mannschaftszeitfahren die Silbermedaille - um im Straßenrennen sang- und klanglos unterzugehen…



Vergessene Legenden

Viel Stoff also, aus dem Radsportlegenden gestrickt sind. Mit dem Verschwinden der Deutschen Demokratischen Republik versanken auch deren Radsportgeschichten in den Archiven. Während der vierte Tourplatz Junkermanns immer wieder medial Erwähnung findet, muss man nach den großen Rennen der Ampler, Schur, Hagen, Eckstein, Meister und Zabel (Detlef, Eriks Vater) aus den 50er und 60er Jahren lange suchen. Daher widmen sich die folgenden Zeilen den großen Amateurrennen des Jahres 1960, um ein wenig Staub von diesen großen Momenten (ost)deutschen Radsports zu wedeln, die in der Radszene des Ostens bis heute nachwirken.



Kampf der Systeme

In den heißen Jahren des „Kalten Krieges“, also von Kriegsende bis Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, entwickelten sich nicht nur die politischen Systeme in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich. Auch im Sport ging man getrennte Wege, wenn auch bis in die 60er Jahre bei internationalen Wettkämpfen eine gesamtdeutsche Mannschaft an den Start ging. Im Radsport traten die gegensätzlichen Grundhaltungen besonders krass zu Tage. Die beiden Grundlinien des modernen Radsports teilten sich an der innerdeutschen Grenze: In der BRD zählte nur der Profisport, in der DDR wurde der Amateurgedanke hochgehalten. Im geteilten Europa bildeten sich zwei Radsysteme: In einem waren die wichtigsten Rennen Tour, Klassiker und Weltmeisterschaften, im anderen brachten Olympische Spiele und Internationale Friedensfahrt den höchsten Ruhm. Beide Systeme blieben bis in die 90er Jahre in sich geschlossen; kein Toursieger konnte bis dahin an Olympischen Spielen teilnehmen und kein Friedensfahrtsieger, bis auf vereinzelte Ausnahmen, an der Tour.

 

Und noch eines muss vorangestellt werden: Schon sehr früh begann man sich in den sozialistischen Ländern wissenschaftlich und hoch organisiert mit dem Amateurleistungssport zu befassen. Die Talentesuche und –förderung sowie die Sport- und Trainingswissenschaft wurden professionell organisiert und von höchster Stelle gefördert. Diese staatliche Sportförderung erklärt die jahrzehntelange Dominanz der Ostblockstaaten im Amateursport.

 

Im Radsport der Amateure ergab diese Gemengelage ein paar klare Vorteile für die Fahrer aus den sozialistischen Ländern. In international besetzen Rennen waren ihre „westlichen“ Konkurrenten meist sehr jung oder kamen aus der zweiten Reihe. Denn die erfolgreichen Jungen wechselten ins Profilager, die älteren Amateure hatten diesen Sprung meist verpasst und eine nennenswerte Amateurförderung existierte in Westeuropa nicht… Dafür fuhren die „östlichen“ Gegner, allen voran die sowjetischen, auf gleichem, mit der Zeit sogar höherem Niveau. Die Amateurrennen waren daher keineswegs „leichter“, nur spielten Fahrer aus „westlichen“ Staaten meist keine Rolle.



Osten und Westen noch gemeinsam

Allerdings galt dies nach dem Krieg nur eingeschränkt. In England, Belgien, Italien und Frankreich gab es traditionell eine starke Arbeitersportbewegung, die sozialistischen Idealen nahe stand. Bis in die 60er Jahre hinein finden sich so in den Siegerlisten der wichtigen Amateur-Rennen weitaus häufiger Namen aus diesen Ländern als zu späteren Zeiten – denn mit der Blüte des Amateursports im Ostblock ging dessen Niedergang in Westeuropa einher.

 

Die drei großen Amateur-Wettkämpfe des Jahres 1960, die im Folgenden genauer geschildert werden, waren somit keine reine Angelegenheit des Ostblocks, sondern waren wahrhaft international:

 

>>> die XIII. Internationalen Friedensfahrt

>>> die Straßen-Weltmeisterschaft der Amateure auf dem „Sachsenring“ bei Hohenstein-Ernstthal

>>> die Olympischen Spiele in Rom 1960

 



Epilog

Drei denkwürdige Rennen der Amateure brachte das Jahr 1960 für den deutschen Radsport. Eine Hochzeit, die erst mit den Siegen von Didi Thurau und Olaf Ludwig in den siebziger und achtziger Jahren wieder erreicht wurde. Und die Helden von damals, was wurde aus ihnen? Täve Schur hatte seine größten Erfolge errungen, seine Karriere klang aus. Er blieb bis heute der populärste Sportler Ostdeutschlands. Viktor Kapitonov, der völlig verarmt und fast unbemerkt im März 2005 verstarb, wurde Trainer der sowjetischen Nationalmannschaft und errang mit seinen Fahrern 5 Einzelsiege bei der Friedensfahrt in Serie. Sein Meisterschüler Sergej Suchurutschenkow folgte ihm schließlich 1980 in Moskau auf den olympischen Thron.

 

Bernhard Eckstein wurde auch nach seinem Weltmeistertitel kein Siegfahrer, er arbeitete nach seiner Karriere als Fotoreporter. Willy Vandenberghen suchte wie Livio Trapé mit mäßigem Erfolg sein Glück als Radprofi; Vandenberghen taucht 1962 als Etappensieger bei Paris-Nizza auf und Trapé beendete den Giro di Lombardia 1962 als Zweiter.





Vandenberghe



Trapé



Eckstein


Aber wenn auch die Geschichte des Radsports heute nur noch als Geschichte des Profiradsports erzählt wird: Diese Rennfahrer haben ihre Spuren hinterlassen, und diese Leistung ist es wert, in Erinnerung zu bleiben. Chapeau!



 

Beitrag von Torsten Reitler, Mai 2005 

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