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Paris-Roubaix

die Königin der Klassiker, la Pascale, die Hölle des Nordens

einzelne Jahre >>>>>



Paris-Roubaix - kein anderes Eintagesrennen ruft so widerstrebende Gefühle hervor, reißt Menschen zu ähnlich schwärmerischen, bewundernden Ausdrücken hin oder löst so intensives Kopfschütteln aus. Wenn das Wetter mitspielt, es also regnet oder stocktrocken ist und die Fahrer im Staub kaum auszumachen sind, es zusätzlich noch windet, wenn über 250 Jahre alte Kopfsteinpflasterpassagen, den berühmten Pavés, geflogen und auf ihnen ums Überleben gekämpft wird, fiebern und leiden die Zuschauer heute ebenso intensiv mit wie vor 100 Jahren.

 




2005
Sektor 26 Troisville
bei km 97.5, 2200m **



2004 Sektor 25
Viesly bei km 106, 1800m **



Die Geburt des Rennens

Paris als Zentrum Frankreichs war Ende des 19. Jahrhunderts auch französisches Zentrum des Radsports. Anfang der 90er Jahre gab es nur in Paris Radrennbahnen, auf denen sich die Radprominenz traf. Da war es eine kleine Sensation als am 9. Juli 1895 im 280 Kilometer entfernten Roubaix eine weitere Bahn eröffnet wurde. Roubaix, im Kohlerevier Frankreichs, im französisch-belgischen 'schwarzen Land' (pays noir) gelegen, boomte zu der Zeit dank der Textilindustrie und der Radsport war beliebt. Theo Vienne und Maurice Perez, zwei Textilfabrikanten, hießen die Väter der Bahn, mit der sie ihrer Region einen Namen machen und den Arbeitern und Bürgern eine Attraktion anbieten wollten.

 

Sie hatten noch eine Idee. Seit 1891 fand das Langstrecken-Straßenrennen Bordeaux-Paris unter großem Publikumsinteresse statt, da käme es den Fahrern doch sicher entgegen, wenn sie einen Monat zuvor ein kürzeres zum Einrollen bestreiten könnten? Start in Paris, Ziel im Roubaix-Vélodrome, Publikumsbegeisterung garantiert. Natürlich benötigten sie die Unterstützung einer großen Tageszeitung und sie bekamen diese auch, "Le Vélo" war angetan, schickte aber erst einmal seinen Mitarbeiter Victor Breyer per Fahrrad zur Inspektion auf die Strecke. Den ersten Teilabschnitt bis Amiens legte er aber bequem mit einem Auto zurück, danach erst stieg er auf das Rad. Die Fahrt wurde ihm zum Alptraum. Jetzt begannen die Pflastersteinpassagen, es war kalt und es regnete, Breyer bekam die brutale Härte der Strecke zu spüren. Kein Wunder, dass er in einem Telegramm nach Paris von einem 'teuflischen Plan' sprach und empfahl das Rennen, da zu gefährlich, nicht stattfinden zu lassen.

 



Die ersten Rennen



der Vater
der Tour de France
in jungen Jahren
Henri Desgrange

Änderte Breyer seine Meinung oder setzte sich sein Chef darüber hinweg? Oder stimmt diese Geschichte überhaupt nicht? Benjo Maso beschreibt in seinem Buch der Schweiß der Götter, dass Paris-Roubaix als Gegenstück zu den bestehenden harten unendlich langen Rennen ("losgelöst von der Heroik der Monsterstrecken"), ohne große Schwierigkeiten geschaffen worden war. Die gelegentlichen Kopfsteinpflasterpassagen spielten für die Fahrer keine Rolle.

 

Jedenfalls machten sich am 19. April 1896 morgens um 5:20 Uhr 54 Profis (oder 45?) und 6 Amateure auf den Weg. Mit dabei Maurice Garin, Charles Meyer, Arthur Linton, Gaston Rivierre, Josef Fischer und Henri Desgrange, geführt von ihren Schrittmachern auf Fahrrädern.

 





Josef Fischer

Es ging rasant los, die Favoriten waren nach kurzer Zeit in Front. Linton griff an, setzte sich ab, Fischer ging hinterher und kam heran, gemeinsam fuhren sie nun einen beachtlichen Vorsprung heraus. Doch Linton stürzte und Fischer stürmte allein davon. Weder Pannen noch ein durchgehendes Pferd, noch eine Kuhherde, die die Straße blockierte, konnten ihn aufhalten. Den letzten Kilometer legte er unter dem Jubel von Tausenden begeisterter Zuschauer zurück. Den zweiten Platz belegte Charles Meyer, angeblich ein Däne. Er soll aber nie die dänische Staatsbürgerschaft gehabt haben und geboren wurde er als Karl in Flensburg - war es sogar ein deutscher Doppelerfolg? 

 

Josef Fischer wird als erster Sieger immer einen besonderen Platz in der Historie von Paris-Roubaix einnehmen und auch in der deutschen Radsportgeschichte, denn er blieb bislang der einzige deutsche Sieger (>>> Portrait J. Fischer).








Sieger der ersten Jahre

Die Rennen fanden in den Anfangsjahren hinter Schrittmachern statt. Mit Ausnahme der Jahre 1898, 1899 und 1900, in denen Automobile erlaubt waren, handelte es sich immer um Fahrräder und/oder Motorräder. 1908 und 1909 war eine Führung nur noch bis Beauvais erlaubt und ab 1910 völlig verboten.

 



Der Streckenrekord hinter Fahrrädern von Bouhours 1900 beträgt 8:04:15 h, der hinter Motorrad von Trousselier im Jahr 1905 7:10:30 h.

 

Der Ostersonntag wurde bis zum Jahr 1923 fest als Austragungstag beibehalten, daher erhielt das Rennen den Beinamen 'La Pascale'.

Ein andere Name trifft den Charakter der Osterfahrt für uns heutige besser. Die Bezeichnung 'Hölle des Nordens' lässt die Torturen erahnen, denen die Radler ausgesetzt sein können. Es war jedoch die Hölle des ersten Weltkrieges, die eine verwüstete Landschaft und große Not geschaffen hatte und eine Hölle zurück ließ, durch die sich am 20. April 1919 130 Fahrer kämpften.

 




Start 1910



die Bühne



"Was man dereinst wohl noch mit gewisser Akribie verlegt hat, sieht heute (...) so aus, als hätte man die Pflastersteine einfach aus einem Hubschrauber abgeworfen. (...) Die Krone in der Mitte liegt häufig zwanzig, dreißig Zentimeter höher als die abgesackten Steine. Und dazwischen klaffen oft genug Löcher, die jedem, der darüber rollt, einen ordentlichen Hieb verpassen und das Material ebenso allmählich morden wie den Willen."
(Gölz, 2003)

Es sind die letzten 150 Kilometer, die für die Faszination sorgen. Zahlreiche Pavéabschnitte sind verantwortlich für das alljährliche Spektakel. 2006 waren es 22 Sektoren mit insgesamt 52,7 km Kopfsteinpflaster, die beiden längsten Passagen wiesen eine Länge von 3 700 Metern auf (s. Liste). 2007 sind es 28 Sektoren mit insgesamt 52,7 km. (Pavés 2007)

 

Doch noch Anfang der 90ger Jahre blies den Anhängern des traditionellen Radrennens viel Gegenwind ins Gesicht. Bis zu 250 Jahre alte Kopfsteinpflasterstraßen schienen vielen vor Ort als rückständig, als diskriminierend, das Land hatte und wünschte moderne Wege und wollte diese auch zeigen. Mittlerweile gelang es jedoch die Pavés unter Denkmalschutz zu stellen. Sie werden erhalten und restauriert und als Kulturgut betrachtet, auf das man stolz sein kann. Zumal die 'Königin der Klassiker' alljährlich von unschätzbarem Werbewert ist und Tausende von Menschen anzieht.

 





Aufgrund des hohen Sturzrisikos wurde der Arenberg-Abschnitt 2005 entschärft. Die einst leicht abschüssige Anfahrt wurde geändert, die Pavés gereinigt und die Seitenstreifen verändert. 2006 ist er wieder im Programm.

Die Hölle begann seit 1968 so recht, mit Ausnahme der Jahre 1973-1983 und 2005, im Wald von Arenberg ca. 100 km vor Roubaix oder besser gesagt bereits davor, wenn die Fahrer darum kämpften an vorderster Position den Waldweg angehen zu können. Auch 2006 führte dieser Sektor, obwohl mit viel Geld im Jahr zuvor entschärft und saniert, zur entscheidenden Selektion des Feldes. Bis 1968 fürchteten die Fahrer vor allem die Abschnitte von Doullens, Arras, Carvin und der Kehre von Wattignies Doullens.

Legendär, berüchtigt oder gefürchtet sind heute die beiden Sektoren Mons-en-Pèvéle und le Carrefour de l'Arbre, 15 km vor dem Ziel. ( >>> Fotos)

 



die Darsteller

Die Fahrer selbst, die sich auf die Strecke begeben, scheinen zwischen Liebe und Hass zu schwanken. Andere versuchen es erst garnicht und könnten es vielleicht auch nicht, denn um den 'Katzenköpfen' gewachsen zu sein, bedarf es einer speziellen Fahrtechnik, Zähigkeit, Taktik und eines eisenharten Willens gepaart mit viel 'Gottvertrauen'. Pannen und Stürze gehören dazu, eine zweite Haut in Form von Schlamm oder Staub muss akzeptiert sein. 

Es verwundert nicht, dass Jahrzehnte lang Franzosen und Belgier den Ton angaben. Das hatte la Pascale gemeinsam mit den anderen großen Rennen wie Flandern-Rundfahrt und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Erst nach dem zweiten Weltkrieg kamen die Italiener und konnten sich sofort mit Serge und Fausto Coppi sowie Antonio Bevilaqua in die Siegerlisten einschreiben. Die Dominanz der Belgier wurde aber bis heute 2005 nicht gebrochen: 51 belgische Siege stehen 30 französischen, 10 italienischen, 5 niederländischen, 2 irländischen, 2 schweizer und je einem deutschen, luxemburger, moldawischen und schwedischen Erfolg gegenüber.




1950: Coppi - Diot





1952: Kübler-Steenbergen-Coppi



1952:
Steenbergen gewinnt


Es sind durchgängig große Namen, die in den Palmarès von Paris-Roubaix auftauchen: Eddy Merckx, Rik van Looy, Rik Van Steenbergen, Francesco Moser, Jean Kelly, Fausto Coppi, Felice Gimondi um nur wenige zu nennen. Besonders Roger de Vlaeminck ist hervorzuheben: 14 mal trat er an, triumphierte in den Jahren 1972, 1974, 1975, 1977, so oft wie niemand anderes bislang und weitere 5 mal stand er auf dem Treppchen: "Am Sonntag vor dem Rennen fuhr ich die Flandern-Rundfahrt alles gebend. Dann, am Mittwoch, Gent-Wevelgem, 265 km.  Direkt danach fügte ich noch 120 km hinzu. Donnerstag: Ruhe, Massage. Freitag: nochmals 180 km mit 50 km/h, hinter einem Auto. Ruhe. Und am Abend vor P-R begnügte ich mich mit 50 km. Ich habe diese Methode einem Franzosen geraten, er wurde zweiter!" "Ich kam vom Cross-Fahren, so liebte ich den Matsch. Ich hatte einen andern Trick: Ich fuhr die ersten 30 Kilometer mit einem herkömmlichen Fahrrad, dann reichte mir ein Teamkollege seines ab den ersten Pavées. Ich montierte eine 53 - 13 Übersetzung, und ich versuchte die letzten 30 Kilometer vorn zu bleiben." (le Monde, 12.4.2002)

Roger de Vlaeminck ist 'Monsieur Paris-Roubaix'.



Als Team des Rennens der letzten Jahre könnte man Mapei bezeichnen. 1996, 1998 und 1999 waren auf dem Podium nur dessen Farben zu sehen, da konnte der Sieger schon mal von der Konzernspitze bestimmt werden. Auch 2000 trug der Gewinner Johan Museeuw dieses italienische Firmentrikot. Dahinter stand Team-Chef Patrick Lefevere, der seine Paris-Roubaix Erfolgsserie mit den Teams Lotto-Domo und Qick Step fortsetzte: 2001, 2002, 2005.

 

Heute scheint Museeuws Ruf zumindest angekratzt, nachdem er nach seinem Rücktritt 2004 in eine Dopingaffaire verwickelt wurde, in der er sich gegenwärtig als Angeklagter vor Gericht wiederfindet. Doch der nächste belgische Superstar steht bereits an, Tom Boonen, Dritter 2002, siegte 2005 und ist ganz gewiss nicht satt, auch wenn er 2006 Cancellara deutlich vorlassen musste - und ob er zweiter geworden wäre ohne die geschlossene Bahnschranke, kann auch bezweifelt werden.

 




Johan Museeuw *



Tom Boonen
*



Fabian Cancellara
Sieger 2006 *



deutsche Erfolge

Wo blieben die Deutschen? Josef Fischer strahlt über allen, aber wer kennt ihn noch? 1932 stand Herbert Sieronski auf dem Treppchen und 1963 hätte es ebenfalls fast mit einem weiteren deutschen Sieg geklappt. Kurz vor dem Vélodrome war Rolf Wolfshohl mit seinem Teamgefährten Noél Foré in Front, beide gaben alles, als Foré eine Panne hatte und Wolfshohl angeblich von seinem sportlichen Leiter Brik Schotte ein beruhigender Vorsprung von einer Minute signalisiert wurde. Der Deutsche nahm etwas Geschwindigkeit raus und wurde prompt von einer 10-Gruppe eingeholt. Andererseits, wenn der endschnelle Mann Foré zuvor nicht auf Wolfshohl hätte warten müssen oder wenn er keine Panne gehabt hätte oder wenn.... jedenfalls jubelte Emile Daems, Rolf Wolfshohl wurde elfter.



Rudi Altig (1967, 3.), Dietrich Thurau (1980, 3.), Gregor Braun (1982, 3.), Olaf Ludwig (1992, 2.) und Steffen Wesemann (2002, 2.) überquerten die Ziellinie zwar nicht als erste, aber sie standen auf dem Podium. Olaf Ludwig: "20 Kilometer vor Roubaix fuhr ich nur noch eine Minute hinter Duclos-Lassalle. Mein Teamchef trommelte gegen die Autotür wie Tarzan gegen die Brust. "Du holst ihn!" Dann waren es nur noch 45 Sekunden, schließlich 28. Post schrie heißer wie ein Jazzsänger: "Schneller! Gleich hast du ihn!" Sieben Kilometer vor dem Ziel war ich bis auf 18 Sekunden an den Franzosen heran und mein Teamchef dem Herzinfarkt nahe. Da spürte ich plötzlich, dass mein Tank leer war. Nichts ging mehr. Der Traum vom Sieg war ausgeträumt. Die Hölle verlangte ihren Wegzoll. (...) Ich hatte verloren, weil ich mir zu spät etwas zugetraut hatte."





Steffen Wesemann *

Dem Herzinfarkt nahe dürften 2001 und während der 100. Ausgabe des Rennens 2002, auch viele deutsche Fans vor dem Fernsehgerät gewesen sein. Starker Regen hatte die Wege in beiden Jahren unter Schlamm gesetzt, die Königin der Klassiker wurde ihrem Ruf bestens gerecht, doch die Schuhplatten Wesemanns waren diesen Belastungen nicht gewachsen. Stark, kämpferisch und siegeswillig zeigte er, dass dieses obskure Rennen für ihn maßgeschneidet war, doch gewinnen konnte er nicht. So musste er 2002, gerade als Museeuw attackierte, die Schuhe wechseln und war gezwungen, den Löwen von Flandern ziehen zu lassen.

 



Showdown

Nicht wenige Radsportverrückte sehen in der etwas jüngeren Flandern-Rundfahrt die wahre Königin der Klassiker. Sie gilt sportlich als anspruchsvoller und hat einige giftig ansteigende, ebenfalls uralte Kopfsteinpflaster (Kasseien)-Passagen aufzuweisen, die regelmäßig zu dramatischen, spektakulären Szenen führen und Entscheidungen herbeiführen. (Portrait Flandern-RF)

 

Wie dem auch sei, Paris-Roubaix hat eine besondere Aura. Das Rennen hat etwas Elementares, Klares, Einfaches. Auf der einen Seite das Wetter im Bündnis mit den Wegen, auf der anderen der Mensch mit seinem Material. Es ist brutal, dramatisch, verrückt - es ist unverwechselbar.

 

Wird dieses Monument des Radsports noch lange überleben? Es sieht gegenwärtig so aus. Alle spielen mit, doch die Spezialisierung schreitet fort und es könnten sich immer weniger bereit finden, die Tortur auf sich zu nehmen und Stürze zu riskieren, für ein Rennen, das vor allem der Tradition verpflichtet ist und einen hohen Showcharakter hat - aber vielleicht ist die Show gerade die Chance.

 




2004, Sektor 11, Orchies bei km 201,5, L 1700m **



interessante Links

 

vélo-club

l'Equipe

les Amis de Paris-Roubaix

radsportnews.com

memoire-du-cyclisme

 



Quellen

 

Le Cyclisme, Paris 1912

A Century of Paris-Roubaix, London 1997

R. Gölz, Mythos Klassiker, Bielefeld 2003

Les Woodland, Das Velodrom der Narren

O. Ludwig, Höllenritt auf der Himmelsleiter, 1997

Fotos: * capture-the-peloton, ** Mani Wollner, Archiv cycling4fans (*)

 

© cycling4fans.de

Maki, März 2006, letztes Update April 2008

 

 

 


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