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etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Manfred Poser, futura9



Velocipediade 2006

Bericht und Fotos von Manfred Poser

 

Vom 25.-27. August fand in Friedrichshafen die "Velocipediade 2006", das Jahrestreffen des Vereins "Historische Fahrräder" statt. Manfred Poser, begeisteter Fan der alten Vélos, blickt auf wunderschöne Tage zurück.



Friedrichshafen: Historische Fahrräder - heute 2006

Na wunderbar: Um 8.36 Uhr soll die Fähre über den Bodensee nach Friedrichshafen abgehen, steht auf dem Schild. Es ist 8.35 Uhr, noch 100 Meter zum Schiff, dessen Bedienstete schon die Ketten lösen und einen letzten Blick aufs Ufer werfen, und da kommt noch ein Radler mit roten Packtaschen an (ich), sie winken ihn heran, und er darf noch über die flache Rampe auf die Fähre rollen. Geschafft! War ein knappes Ding, denn um 10 Uhr sollen vor dem Zeppelin-Museum in Friedrichshafen Menschen mit historischen Fahrrädern bei der „Velocipediade“ zu einer Rundfahrt nach Tettnang starten. Ich werde also dabei sein. Musste so sein.

 



Es geht los



François Cauderay zeigt, wie man sich richtig präsentiert mit seinem Rad. Rechts: der Autor.

Die Anmeldeformalitäten überspringen wir, wichtig nur: François vom „Old Bicycle Fan Club“ in Rehetobel bei St. Gallen (Schweiz) hat in seinem Autoanhänger zehn alte Fahrräder aus seinem Fahrradmuseum mitgebracht, und eins ist für mich: ein altes Tourenrad von 1910, ein „Condor“ aus der Westschweiz. Er selber steuert ein älteres Vollgummirad. Ich habe auch ein altes Sakko mitgebracht, und meine Schweizer Freunde sind alle in schwarzen Anzügen und Zylinder oder Schiebermütze gekommen, die Frauen in Tracht, und auch viele andere tragen Tweedjacken und Knickerbocker. Auch eine Braut ganz in Weiß mit weißem Rad ist dabei mit ihrem frisch angetrauten Mann: die Radbuchverlegerin Maxie aus Leipzig und Urs aus Bern. Eine Augenweide!





Der Bayer Siegfried auf seinem Hochrad



... und die Dame auf dem Dreirad, die tüchtig kurbeln musste.

170 Piloten rollen langsam los. Ihre Gefährte stammen aus 100 Jahren Fahrradgeschichte, sagen wir von 1870 bis 1970. Da ist der Bayer Siegfried in bayerischer lederner Tracht auf seinem Hochrad, ein Senior mit silberner Jacke auf einem silbernen Rad, eine alte Dame im bordeauxroten wallenden Kleid auf einem alten Dreirad; es gibt Dutzende solide Tourenräder aus den Jahren 1900 bis 1950, ein paar Rennräder aus der Vorkriegszeit, den Nachbau einer Drais-Maschine, ein paar „Knochenschüttler“ mit Vollgummireifen, andere Hochräder und muskelgetriebene Fahrzeuge mit seltsamer Technik. Man kann sich nicht sattsehen. Es ist wie eine Prozession von Tieren aus verschiedenen Epochen der Erdgeschichte. Die Räder belegen eine technische Evolution. Vieles wurde durchprobiert, nicht probate Lösungen wurden ausgeschieden, und heute sind wir, wo wir sind.

 

Die Rotte bewegt sich langsam aus der Stadt hinaus, entgegenkommende zeitgenössische Fahrradtouristen schauen mit großen Augen, Eigenheimgärtner können es nicht fassen, zufällige Passanten bleiben stehen und klatschen spontan. Der historische Zug bewegt sich durch den Wald, an Feldern entlang, man überholt, man plaudert, man hält an, um Fotos von den Vorbeifahrenden zu machen – was unter anderem zum einzigen Sturz führte. Der Autor dieser Zeilen wurde ungewollt auch zum Autor des Sturzes. Er hatte seinen „Condor“ an einen Zaun links neben der Straße lehnen wollen, um seinen Fotoapparat zu zücken. Leider befand sich vor dem Zaun ein grasüberwachsener Bewässerungsgraben (gottlob trocken), und in dieser Grube verschwand erst das Vorderrad seines Condor, dann der Rest, und der Fahrer sank hinterdrein. Ein Augenzeuge schilderte, es sei ein Sturz „à la Buster Keaton“ gewesen. Ist aber nichts passiert, eine kleine Schürfwunde, und der Condor-Lenker war etwas aus dem Lot, aber Räder sind robust, robuster als der Mensch.

 



Es gab einen kurzen Stopp am Bodensee. Am Ufer standen vier Männer mit Kluft aus den dreißiger Jahren und ihren alten Rädern, und so, vor dem See, dem Gebirge in der Ferne und dem Himmel, konnte man plötzlich eine Art Zeitsprung erleben – es war wie ein Bild aus den dreißiger Jahren, klar und fern zugleich.

 




Vier Männer am Bodenseestrand. Dreißiger Jahre?



Vor Tettnang gab es eine Labung, vor dem Schloss der Stadt noch einen großen Fototermin, bevor es wieder zurückging nach Friedrichshafen. Anschließend traf sich der Verein „Historische Fahrräder e.V.“ aus Bad Brückenau zu seinem Jahrestreffen – er hatte die Velocipediade ausgerichtet, und Schirmherr war der Oberbürgermeister von Friedrichshafen, der am Ziel vor 100 Zuschauern und 150 Piloten und Pilotinnen eine Rede hielt. Das alles fand von 25. bis 27 August statt.

 

Abends kamen die Protagonisten im Zeppelinhaus zu einem Buffet mit Showeinlagen zusammen. Es war das neunte Mal, dass sich die Besitzer historischer Fahrräder trafen. Nächstes Jahr wird Hagen in Westfalen der Ort sein, im vergangenen Jahr war es Hannover. Vor der Ausfahrt waren ein Flohmarkt und eine Auktion veranstaltet worden, denn unter den Fahrern sind eine Menge Händler und Sammler. Helge Schulz sagte, er besitze an die 150 Fahrräder, die in diversen Räumen gelagert seien, für die er Miete bezahle. Mike Burrows hat einmal geschrieben, 15 Räder sollte man schon besitzen. Man muss also sein Weltbild erweitern. Es gibt es jedenfalls noch reichlich Potenzial für mindestens zehn Fahrradmuseen, von denen Bad Brückenau wohl das grösste und bekannteste Deutschlands ist.




Verlegerin Maxi, die glückliche Braut, neben ihr in dunkler Weste Ehemann Urs. Links: ein Autor.





Auch das ein glückliches Paar.



Harte Wettkämpfe...

Höhepunkt am Sonntag (27. August) waren die Rennen auf einem abgesperrten Kurs – 200 Meter mit zwei Haarnadelkurven – in Friedrichshafens Innenstadt. Da nun meldete auch ich mich an – in der Kategorie „Niederräder mit Freilauf“, und das war meine grösste Chance, einmal deutscher Meister zu werden im Leben. Erst aber duellierten sich drei Hochradfahrer (François Cauderay: Dritter) und die Damen auf den Niederrädern – Irma aus der Schweiz, bereits Großmutter, schlug sich wacker und wurde Vierte.

 

Ich hatte elf Mitkonkurrenten und dachte, spielend das Feld überspurten zu können. Nichts da! Das alte Condor hatte schwache Bremsen, und so musste ich mühevoll mein Fahrzeug und mich um die 180-Grad-Kurve wuchten, und das Rad wurde natürlich weit hinausgetragen. Als ich wieder auf Kurs war und wieder beschleunigen konnte, waren die vorn Fahrenden schon an der nächsten Kurve. Da halfen auch fünf Runden nichts – in der letzten überholte ich so eben noch einen Opa und wurde Elfter, also nichts mit deutscher Meister. Es war ein Spaß, hunderte Zuschauer waren da und jubelten über alle, vor allem über die Hochradfahrer. Auch Kinder bekamen ihr Rennen. Nicht zu vergessen: strahlender Sonnenschein am Samstag bei der Ausfahrt, Regen erst spät abends, und auch am Sonntag regnete es erst wieder nach den Rennen.

 




Historische Fahrräder dürfen alles



Auf Wiedersehen

Nach dem Mittagessen gingen alle auseinander. Leider. Selten so viele schräge Typen und sympathische Zeitgenossen kennengelernt, es war ein Spaß, und wer irgendwie die Chance hat, Ende August nächstes Jahr in Hagen vorbeizuschauen, sollte das tun. Historische Fahrräder sind keine toten Objekte aus der Technikgeschichte – man kann man sie bewegen, man kann Rennen mit ihnen fahren, man darf sie berühren und bewundern. Mögen sie noch lange rollen!


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