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Eva Lutz - Interview Oktober 2006

Fragen: Sven, Oktober 2006 

 








Name: 
Eva Lutz 
Nationalität: 
Deutsche 
Geburtsdatum: 
28.05.1979 
Wohnort: 
Hannover 
Familie: 
ledig 
Teams: 
aktiv seit 2003 
 
2004 Team Stuttgart 
 
2005 Team Euregio Egrensis 
 
seit 2006 Equipe Nürnberger 


Das Interview

 

Eva, Du fährst seit Anfang 2006 für die Equipe Nürnberger, eine der weltbesten Damen-Mannschaften der letzten Jahre. Das bemerkenswerte dabei ist, dass Du erst seit wenigen Jahren - genauer gesagt seit 2003 - den Radrennsport intensiv betreibst. Ein solcher Aufstieg hat wahrlich Seltenheitswert, auch im Angesicht dessen, dass Du bis ins besagte Jahr 2003 den Leistungssport Rudern betrieben hast. Erzähl uns doch bitte, weshalb Du dem Rudern den Rücken zugewandt hast und zum Radsport gewechselt bist.

 

Regatten bin ich mit 12 Jahren schon gerudert, weil meine großen Brüder mir das vorgemacht haben. ;-) Es lief eigentlich auch gar nicht soooo schlecht, immerhin hatte ich schon Medaillen auf Deutschen Meisterschaften in verschiedensten Alters- und Bootsklassen gewonnen, aber ich hab es halt nie ganz nach oben geschafft. Mag auch mit daran liegen, dass ich mit meinen 1,60m bei den Ruderern eher "untergegangen" bin. ;-)

Selbst bei den Leichtgewichten mit einem Maximalgewicht von 59kg sind die Frauen etwa 10cm größer, was ein besseres Hebelverhältnis und einen längeren Weg im Wasser mit sich bringt. Nachdem ich dann 2001 (leider nur) in der Vorauswahl für den WM-Vierer war und mich 2002 über die Bronzemedaille im Einer auf der Studierenden-Weltmeisterschaft freuen konnte, hab ich mich mit meinen Trainern zusammengesetzt. An meiner Rudertechnik hat es nicht gelegen, aber wir haben nicht die Möglichkeit gesehen, dass ich mich physisch noch weiter entwickeln kann, und so hab ich schweren Herzens mit dem Leistungssport abgeschlossen (was ja im Endeffekt nicht wirklich funktioniert hat...) und in meinem ersten trainingsplanfreien Winter die Vorzüge des Studentenlebens genossen ;-)

 





Eva Lutz im Gelben Trikot der Führenden in der Bundesliga
© equipe-nuernberger.de

Wie hat sich in diesen Jahren gezeigt, dass Du für den Radsport offenbar ein besonderes Talent mitbringst, welches Dir einen solch rasanten Aufstieg zur Spitze ermöglichte? Gab es vielleicht so genannte "Aha-Erlebnisse"?

 

Talent ist eine Sache, Fleiß die andere... ;-)

Hmm... irgendwie sagen mir ziemlich viele Leute, dass ich Talent hätte; aber Fleiß gehört trotzdem dazu. Mit nur einer der beiden Eigenschaften ist halt irgendwo Schluss. Und dann muss der Körper ja auch noch mitspielen - nicht so wie bei meiner Ruderei...

Ich hab mir am Anfang keine großen Gedanken darüber gemacht. Ich wollte einfach nicht abgehängt werden und hab versucht das so lange wie möglich zu schaffen - im Nachhinein hab ich dann immer wieder festgestellt, wie dumm ich teilweise gefahren bin, und das hat mich dann gleich wieder fürs nächste Rennen angespornt. Nun ja, so geht es mir heute auch noch, vielleicht auf einem anderen Niveau, mit anderen Aufgaben und einem besseren Verständnis von Radrennen. Also ich würde es eher als Prozess bezeichnen...

 

Du sprachst davon, erstmal das Studentenleben genossen zu haben. Dennoch konntest Du gleich Dein erstes Frauenrennen (Juli 2003 in Bad Harzburg) gewinnen. War der Radsport zu diesem Zeitpunkt also mehr ein Zeitvertreib oder hattest Du bereits damals ernsthaftere Absichten, irgendwann einmal die Elite aufzumischen?

 

Mehr ein Zeitvertreib - dazu eine neue Herausforderung und die Lust auf Wettkämpfe. Hab das ja anfangs noch mit Rudern gemischt (also ein Wochenende Regatta - eins Radrennen) und mir überlegt, ob ich nicht lieber eine Karriere als Steuerfrau starten sollte. Aber mein Bewegungsdrang hat am Ende gesiegt ;-)

Aber Studentenleben genießen bedeutet ja auch nicht, dass ich keinen Sport mehr gemacht habe. Aber wenn ich nach einer Party halt nicht in "Sportlaune" war, dann hab ich mich halt nicht bewegt.

 

Apropos Sportlaune: Falls ich richtig informiert bin, hast Du als einzige Frau beim Klimmzugcontest der RG Angaria Hannover 2005 teilgenommen und bist dabei sogar mit sagenhaften 235(!!!) Klimmzügen Neunte von 25 Teilnehmern geworden. Wärst Du nicht eigentlich die perfekte Kandidatin für die neue Pro7-Show "Schlag den Raab", oder gibt es tatsächlich noch Dinge, die Du nicht beherrscht?

 

Da hab ich ja für geübt. Jeder Ruderer in Hannover hat aus diesem Grund eine Klimmzugstange in der Wohnung hängen ;-)

Aber die spielen ja auch Tischtennis und Kegeln. Da bin ich nicht so der Held drin. Und ich denk da gibt es noch einiges mehr...

 






Kommen wir zur aktuellen Saison. Wie zufrieden bist Du mit Deinem ersten Jahr bei den Nürnbergern?

 

Ich bin voll zufrieden, mir hätte wohl nix besseres passieren können. ;-) Hatte ich eigentlich nicht erwartet, dass das alles gleich so gut funktioniert und ich hatte auch etwas Respekt, wie ich das wohl hinbekommen würde mit dem mannschaftlichen Fahren, weil es das in meinen vorherigen Teams (Team Stuttgart und das Thüringer Team Euregio Egrensis) nicht auf dieser Ebene gab.

In unserem Team hat jede eine Aufgabe, und dann fährt sich so ein Rennen auch anders als ich es gewohnt war. Geht schneller um, ist anstrengender,... :-)

Außerdem kann ich mich nicht beklagen, dass man mir nicht die Möglichkeit für eigene Erfolge gegeben hat. Immerhin ist die Mannschaft in der kompletten Bundesliga-Serie für mich gefahren.

 

Dein sportliches Highlight in 2006 war...

 

Au weia, die Fragen werden ja immer schwerer ;-)

Hmm... ich würd mal so sagen... die Tour de l'Aude mitzufahren.

 

Welche Übersetzungen fahrt ihr Mädels in der Regel bei Straßenrennen, Bergetappen und Zeitfahren?

 

Also vorne Standard 53/39, bei Straßenrennen alle bis auf Regina Schleicher (weil ja unsere Sprinterin) 12-23 (Regina hat nen Elfer), bei Bergen kommt es ganz drauf an. Wenn man arbeiten darf und die Wahrscheinlichkeit für die Ortsgruppe relativ groß ist, nimmt man gerne mal einen 27er mit. Ansonsten langt bei den schwereren Bergen ein 25er. Im Zeitfahren 54/42 und 12-23.

 

Manches Mal sind die Männerrennen von Aggressionen untereinander geprägt, die dann und wann sogar in Boxkämpfen auf und neben dem Rennrad enden. Geht Ihr Mädels beim Fahren im Feld umgänglicher und respektvoller miteinander um oder gibt es auch bei Euch hin und wieder scharfe Worte oder gar Handgreiflichkeiten?

 

Ich glaub im Großen und Ganzen schon respektvoller (zumindest nach deiner Beschreibung). Aggressionen sind natürlich immer da, wenn man an seine Leistungsgrenze geht und das ein oder andere Schimpfwort ist auch mal zu hören. Oder jemand versucht doch noch mal in eine Lücke zu fahren die dafür vielleicht etwas zu klein ist.

 





Gesamtsiegerin der Damen-Rad-Bundesliga 2006
© equipe-nuernberger.de

Welche Schimpfworte? ;-) Nein, das wollen die Leser ganz bestimmt nicht wissen, oder??... Deshalb frage ich lieber, ob Du echte Freundinnen unter den Kolleginnen hast? Wenn ja, wer zählt dazu?

 

Klar hab ich Freundinnen im Team, aber ich hab insgesamt nur 2-3 Menschen, die ich als echte Freunde bezeichnen möchte. Und bis sich so eine Freundschaft entwickelt, muss ich mit demjenigen schon einiges an Zeit verbringen, und da wir alle überall wohnen und uns fast nur bei den Einsätzen sehen hat sich (bis jetzt) noch keine echte Freundschaft entwickelt...

Gleich treffe ich mich mit der Häusler Claudi und lass mir von der dieses kleine Fest hier in München zeigen. Ganz ohne Radfahren ;-)

Bei echten Freunden aber bin ich wohl ganz schön wählerisch...

 

Kann frau vom Profi-Radsport leben?

 

Das entwickelt sich gerade langsam aufwärts. Es gibt immer mehr Teams, die bereit sind etwas zu zahlen. Anders können sie auch nicht überleben, weil die Fahrer sonst abwandern. Von mir kann ich sagen, dass ich mein Studentenleben damit finanzieren kann, aber zum Sparen langts noch nicht. Die meisten von uns studieren ja auch noch nebenher oder haben schon eine Ausbildung!

 

Ziehst Du im Zuge dessen eventuell sogar in Erwägung, nach Beendigung Deines Maschinenbau-Studiums und je nach Beruf das Rad zumindest "profimäßig" an den Nagel zu hängen?

 

Ähh nein, eher andersherum. ;-) Solang ich noch Spaß dran hab und sich der Aufwand in meiner Fahrweise zeigt, möchte ich weitermachen und erstmal das "normale" Berufsleben hinten anstellen. Vielleicht als Ausgleich fürs Hirn ein kleines Aufbau-Fernstudium oder ein Sprachkurs oder so. Nix zu stressiges!

 

An den unangenehmen Dingen des Radsport-Lebens kommen auch wir leider nicht vorbei - Thema Doping: Du hast vielleicht auch die entscheidende Bergetappe der Tour de France live am Fernsehen mitverfolgt. Was ging Dir unmittelbar durch den Kopf, als Du die Leistung von Floyd Landis gesehen hast? War das für Dich im ersten Moment "normal" oder hattest Du damals bereits Bedenken?

 

Ist ja doof im Nachhinein zu sagen, "Ich hab sowieso schon vorher genau gewusst, dass der was genommen hat..." - na ja, jeder hat mal einen guten oder auch einen schlechten Tag, und kommt ja auch immer drauf an, was die anderen machen...

 

Wärst Du zu einer kurzen Stellungnahme zur Doping-Situation im Radsport bereit?

 

Heikles Thema... Also, dass bei den Männern einiges nicht ganz sauber ist, lässt sich ja nicht mehr wirklich verheimlichen. Ist die Frage welchen Anteil die Athleten daran haben. Immerhin geht es bei den Männern auch darum, soviel Geld zu verdienen, dass man auch für nach dem Profidasein gesorgt hat und eine Familie ernähren kann - und diese Chance besteht im Männerradsport ja auch. Dazu kommt, dass der Zuschauer sich natürlich freut, wenn die Sportler möglichst lange, möglichst harte Rennen möglichst noch ein bisschen schneller fahren, damit die Leistung immer unmöglicher wird und immer besser zu bewundern ist... Und wie's aussieht lohnt sich die Investition, zumindest finanziell.

Ich will damit nicht sagen, dass die Sportler unschuldig wären, aber sie werden auch von den Medien, Veranstaltern, Betreuern, Zuschauern, Fans, ... dahin getrieben.

Die meisten Zuschauer wissen jedoch nicht, dass es gerade in diesem Bereich enorm wichtig ist, eine professionelle medizinische Betreuung zu haben. Einerseits um die vorhandenen Risiken einer gesundheitlichen Gefährdung möglichst klein zu halten. Aber auch, weil es als medizinischer Laie nahezu unmöglich ist, eine Dopingkontrolle "negativ" zu überstehen, wenn man von verbotenen Mitteln Gebrauch gemacht hat.

Bei den Frauen ist das wieder eine andere Grundlage - 100% sauber wird auch bei uns nicht gefahren, es gibt ja immer wieder vereinzelte Fälle. Auch wenn der Frauenradsport im Verhältnis zu den Männern stark unterbewertet ist, ist es in dieser Hinsicht vielleicht sogar gut für uns, dass im Frauenradsport nicht so viel Geld steckt... Also, es scheitert schonmal an den finanziellen Möglichkeiten. Dazu kommt, dass Frauen vielleicht eine andere Einstellung zu ihrem Körper und ihrer Gesundheit haben. Die meisten wünschen sich ja schon nochmal eine Familie und (eigene) Kinder, und für viele ist es das nicht wert, den Körper vorher im und mit dem Radsport zu zerstören...

Und auch wenn ich jetzt mit Doping etwas schneller fahren würde, ausgesorgt hab ich nach meiner Karriere ganz bestimmt nicht!

 

Vielen Dank für das Gespräch, Eva Lutz und einen schönen Saisonabschluss und natürlich auch Urlaub. Werden wir Dich denn auch im kommenden Jahr für die Nürnberger am Start bewundern dürfen?

 

Ob ihr mich bewundern wollt, ist eure Sache. Auf jeden Fall werd ich noch mindestens zwei Jahre das blaue Nürnberger-Trikot tragen. ;-)

 



 

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