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Die Enkel der Pospišils



Radball lebt noch und macht Spaß!

Text und Fotos von Manfred Poser, Oktober 2008



Ich kam am brandneuen Athletikzentrum St. Gallen vorbei, und da stand: Internationales Radballturnier! Alles ums Fahrrad ist ja sehens– und wissenswert, und so würde ich mir diese Sportart einmal ansehen.

 

Der Begriff Radball ist nicht zu trennen von dem Namen Pospišil. Ich habe in der Langweile meiner frühen Jugend viele Stunden „Sportschau“ und „Sportreportage“ gesehen (im Keller, vorm Schwarz-Weiß-Gerät), rauf und runter am Wochenende, da spielten dann FC Freiburg gegen Mainz 05 (wo diese Orte lagen, wusste ich nicht), und wenn es um Radball ging, produzierten sich stets die Brüder Pospišil aus der damaligen ČSSR. Immer wurden sie erwähnt.

 

Kein Wunder - Jan (geboren 1945) und Jindrich (1942) aus Brünn waren von 1965 bis 1988 insgesamt 20 Mal Radball-Weltmeister, wofür sie im Guinness-Buch der Rekorde stehen. Als sie sich 1990 vom aktiven Sport zurückzogen, war Jindrich immerhin schon 46 Jahre alt, und der Eiserne Vorhang war gefallen. Bald gab es die Tschechische Republik. Nun sind schon Pospišils Enkel aktiv; dies ist im übertragenen Sinne gemeint, denn Brünn schickte zwar zwei Mannschaften mit dem Namen „Favorit“ ins Schweizer Turnier, aber die – Spieler? Fahrer? – hießen Berger/Böhm und Skotak/Kepak. Die „Alten“ bauen nun anscheinend Fahrradrahmen, das ist auch schonender für Muskeln und Gelenke. Auf einigen Rädern beim St. Galler Turnier stand nämlich der Name Pospišil: Man entkommt ihnen einfach nicht.






Das Olma-Radballturnier gehört traditionell zum Rahmenprogramm der jährlichen Ostschweizer Landwirtschaftsschau, und das seit 62 Jahren. Die ersten drei Turniere nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Heimmannschaft St. Gallen St. Georgen, und überhaupt wird in der kleinen Großstadt der Ostschweiz seit 100 Jahren Handball gespielt.



Radball - was ist das?

Noch etwas zur Statistik: 2006 und 2007 wurde Deutschland Radball-Weltmeister, vertreten durch Thomas Abel und Christian Hess aus Hechtsheim, einem Stadtteil von Mainz, die sich kürzlich wieder einmal den deutschen Meistertitel gesichert haben. Die nächste Weltmeisterschaft steht Ende Oktober an, und wäre es nicht schön, wenn jemand einmal schreiben könnte, Abel und Hess seien von 2006 bis 2030 insgesamt 20 Mal Weltmeister gewesen? Ein Autor würde am Athletikzentrum St. Gallen vorbeikommen und sich sagen: Radball, das interessiert mich. Er würde die Überschrift „Die Enkel von Abel und Hess“ wählen, über das 84. Olma-Turnier schreiben, und ich, 73-jährig dann, würde nach meinem Ausritt und der Dusche den Beitrag bei „Cycling4fans“ im Oktober 2030 lesen und mich diebisch freuen. Die Dinge wiederholen sich, die Zeit ist zirkulär, nur weiß das keiner.

 

Es weiß auch kaum einer, wie gut Radball in die heutige Zeit passt, der es nicht schnell genug gehen kann und in der alles handlich und schnittig sein muss. Das Spielfeld ist nur 14 Meter lang und 11 Meter breit. Zwei Spieler in jeder Mannschaft: Torwart und Feldspieler. Wobei es kaum einen Unterschied zwischen ihnen gibt. Die Spielzeit beträgt zwei Mal sieben Minuten, die Pause zwischen den beiden Hälften zwei Minuten. In 14 Minuten bekommt man da geballte Action, viele Tore, manchmal prallen vor dem Zuschauer zwei Spieler in die Bande oder der Ball zischt ins Publikum. Wie beim Fußball. Das Tor ist, anders als beim Fußball, viereckig: zwei Meter auf zwei Meter. Der Ball „hat Kugelform“, heißt es im Programmheft, 17/18 Zentimeter Durchmesser und sei mit Tierhaaren gestopft. Er wiegt 600 Gramm und soll 70 Kilometer pro Stunde erreichen können. Im Strafraum darf sich nur ein Spieler der angreifenden oder verteidigenden Mannschaft befinden. Kopfbälle sind erlaubt. Ecken sind wie im Hockey gefährlich, da der Punkt nah beim Tor liegt.

 

Viele Spieler sind muskulös. Es braucht viel Kraft in den Oberschenkeln. Die Fahrräder besitzen natürlich keine Gangschaltung und keine Bremsen. Der Lenker ähnelt Stierhörnern. Die Nabe ist starr, hat also keinen Freilauf, und man bremst, indem man die Pedale nach hinten bewegt. Man kann mit diesen Rädern auch rückwärts fahren. Der Sitz ist über dem Hinterrad angebracht, ragt hinten noch leicht über dieses hinaus und ist eine Verlängerung des oberen Rahmenrohrs. Damit sitzt man komisch, und die Knie kommen beim Treten ziemlich hoch. Die Mäntel sind natürlich nicht glatt, sondern aufgerauht, dass sie schön und genau manövriert werden können.






Dominik Planzer aus Altdorf schießt gegen Höchst ein. Vorn der kräftige Schwyzer Torwart Roman Schneider.



Diese Präliminarien haben nun schon fast alles gesagt. Dann kündigt der Sprecher einen Wettkampf an, und los geht’s. Vier junge Männer auf ihren Rädern in dieser lächerlichen Sitzposition kommen aufs Feld und kurven erst einmal darauf herum. Sie fahren immer, sie können nicht stillstehen; immerzu kurven sie herum, im Kreis und übers Feld. Dann legt der Schiedsrichter den Ball in die Mitte des Anstosskreises, und es geht los. Und wie! Plötzlich werden die Herumkurver zu Akrobaten! Es ist unglaublich, wie sie, wenn sie mit dem Vorderrad den Ball führen, dann auch – täuschend und dribbelnd – mit dem Vorderrad über den Ball springen können und zurück! Wie sie stoppen, wieder mit Affenzahn beschleunigen, den Ball an der Bande einklemmen, ihn zurückspielen zum Partner, der auf der anderen Seite losjagt. Es gilt, den gegnerischen Feldspieler mit einer Kombination zu überlisten und dann noch den Torwart, der gewaltige Hämmer parieren muss wie sein Handball-Kollege.

 

Dann ein Schuss: Es sind Donnerschüsse, und Gott weiß, wie sie das machen. Sie müssen mit einem Ruck ihrer Arme das Vorderrad gegen den Ball knallen, und im Tor steht, frei balancierend, ein Radballer und klatscht den Ball ab oder hält sein Rad in die Flugbahn. Einer zischt los mit einem Solo wie Ronaldo auf Rädern, lässt den Gegner aussteigen, feuert ab – die Kugel trifft das Torgestänge. Das Quietschen, wenn das Hinterrad sich um die eigene Achse bewegt; und einer erzielte sogar ein Tor mit dem Hinterrad. Er schaffte es, mit dem Hinterteil hochzugehen und mit den Beinen dem Hinterrad einen Schubs zu geben, der sich dem Ball mitteilte und ihn ins Tor trudeln ließ. Virtuos!

 

Wenn es keine Anfeuerung gibt, hört man nur das Scharren der Reifen über den neuen Belag, das Anfahren; dann geraten zwei Räder aneinander, und sie schaffen es, mit ihren Rädern stehenzubleiben, mit ihnen auf der Stelle auf- und ab zu springen, eine halbe Minute regungslos zu bleiben, aber auch blitzschnell zu beschleunigen mit dem Ball am Fuß, pardon, am Vorderrad, und wieder springen sie mit dem Vorderrad drüber, lassen den Gegner aussteigen, schießen, aber wie machen sie das nur? Am 22. November soll ein Grümpelturnier für Nichtradballer in St. Gallen stattfinden, ich hätte nicht übel Lust, doch will ich vernünftig sein: Das ist etwas für 30 - bis 40-Jährige, das Verletzungsrisiko ist für Amateure sicher hoch, ich bleibe bei meinen Solo-Trainingsfahrten durch die Kantone Thurgau und Appenzell.



das Turnier

Die ersten Partien um die Plätze 5 bis 10 waren schon interessant. Dann raunte hinter mir einer: „Höchst gegen Dornbirn, das ist Weltspitze!“ Pikant, dass die beiden österreichischen Weltspitzenklubs praktisch benachbarte Gemeinden in der Nähe von Bregenz sind. Sie könnten wöchentlich gegeneinander spielen. Schon beim Training sah man: Die Burschen haben alle einen strammen Schuss drauf, da wackelt das Torgestänge. Es gab zwei schöne Halbfinals in St. Gallen: Eine Schweizer und eine österreichische Paarung. Altdorf im Kanton Schwyz (da, wo Tell sich herumtrieb, es ist einer der Urkantone) gegen Winterthur; und eben Höchst gegen Dornbirn.

 

Die beiden Höchster waren eindeutig überlegen. Sie hatten zusätzlich zum satten Schuss auch noch Überblick und kombinierten, dass es eine Lust war. Je weniger Tore fallen, desto entwickelter ist das Spiel der Athleten. Doppelpass mit den Rädern, das muss man gesehen haben! Ein Spieler sollte immer das Tor bewachen; es ist ja eigentlich wie das alte „Tipp-Kick“ auf dem Wohnzimmertisch, nur lebensgroß. Höchst leuchtete Dornbirn mit einem 5:0 heim, und Altdorf, stimmgewaltig unterstützt von vielen Zuschauern (es mochten 400 gewesen sein), schickte souverän Winterthur ins Spiel um den dritten Platz, den es sich dann auch holte.




Ein Angriff von Höchst. Wo ist der Ball? Unter dem Rad von Torwart Schneider.



Im Endspiel hätte ich nicht auf Altdorf gesetzt. Aber die Anfeuerungsrufe wirkten, eine gewisse Härte der Schwyzer verunsicherte die Ösis – es purzelten auch mal Fahrer vom Rad, wurden über die 30 Zentimeter hohen Bande katapultiert, das sah wild aus, doch keiner verletzte sich –, und dann entschieden zwei gnadenlose Hämmer die Partie. Es war beide Male das Geschoß des Altdorfers Roman Schneider (der Torwart), der gut und gern auch Schwinger oder Steinheber sein konnte. Er kam durch die hohle freie Gasse halb rechts und jagte das rot-weiße Leder zwei Mal hintereinander brachial nach links oben ins Eck. Ohrenbetäubender Jubel.

 

Siegerehrung. So durfte ich die Schweizer Nationalhymne hören, die ich gar nicht kannte. Klar, die Schweiz gewinnt selten etwas und gewann am Turniertag im Rennen um die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 wieder einmal nur knapp (2:1) gegen Lettland. Sie sollten Roman Schneider und Dominik Planzer aus Altdorf in den Sturm stellen!

 


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