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Doping im Radsport



Medien: Zuschauerverhalten in Verbindung mit Doping



ARD-Vorsitzender Fritz Raff:
"Der sportliche Wert der Tour de France hat sich aufgrund der gehäuften Dopingfälle und der daraus gewonnenen Erkenntnisse erheblich reduziert. Damit ist auch der programmliche Wert stark gesunken."(19.10.2008)
Schwache Quoten

Jean-Pierre de Mondenard analysiert die Entwicklung des Verhaltens der französischen Zuschauer gegenüber der Tour der France.

 

Heftig wird in Deutschland das Verhalten der Öffentlich-Rechtlichen Medienanstalten ARD und ZDF in Sachen Dopingberichterstattung diskutiert. Nach den Skandalen um die Operacion puerto mit Jan Ullrich als Betroffenen stand die ARD als ehemaliger Sponsor am Pranger und versuchte eine Kehrtwendung. Sendebegleitende Dopingberichterstattung wurde als Muss verkauft. Dabei dürfte aber nicht allein das moralische Gewissen eine Rolle gespielt haben, sondern auch die sinkenden Zuschauerquoten.

 

2008 berichteten ARD und ZDF noch täglich, verkündeten aber nach den erneuten Dopingfällen ihren Ausstieg aus der Liveübertragung für 2009. Aufgrund bestehender Verträge musste jedoch eine Übertragung erfolgen, die dann in wesentlich gekürzter Form mit zusätzlichen redaktionellen Beiträgen zum Thema Doping stattfand. Die Hoffnung damit das stark gesunkene Zuschauerinteresse wieder anfachen zu können, erfüllte sich jedoch nicht. Im Gegenteil, bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern sanken die Qoten weiter, Eurosport konnte zulegen. (topnews, 28.7.2009)

Doch nicht allein in Deutschland ergab sich nach den Dopingereignissen ab 2006 eine Diskussion um Zuschauer und TV-Übertragungen. Auch andere Länder kämpften mit einem veränderten und schwindenden Zuschauerverhalten.

Besonders Frankreich hatte Probleme. Die Tour de France war plötzlich kein Selbstläufer mehr. Auch hier wollten TV-Sender aussteigen. Auch hier ist der Profiradsport in der Krise.

 

Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf das Buch von

>>> Pierre Ballester: Tempêtes sur le Tour : Business-dopage-scandales

in dem dieses Thema auch behandelt wird. Der Tenor ist de Mondenard, s.u., entsprechend.



De Mondenard: Niederlage und Einschaltquote

Dr Jean-Pierre de Mondenard, Antidopingexperte, nimmt auf der Internetseite bakchich zu der Entwicklung Stellung:

>> Le Tour de France, la dope et l’audimat, 22.10.2008

 

Die Übersetzung in Auszügen:



Die Tour und die Einschaltquoten - Niederlage und Einschaltquote

(…) die Medien wiederholen immer wieder, dass das Fernsehpublikum und die Zuschauer an der Straße die ‚Sklaven der Landstraße’ nicht mit pedalierenden Retortenwesen gleichsetzen. Sie argumentieren mit der großen Zahl Zuschauer an den Strecken und den vielen begeisterten Äußerungen. Damit wird unterstellt, dass trotz der traurigen, mit Doping in Verbindung stehenden Nachrichten, eine starke Bindung der Öffentlichkeit an die Tour besteht. In der allgemeinen Begeisterung werden zudem immer wieder neue Zuschauerrekorde vermeldet. Unmöglich das nachzuprüfen. Im Gegenteil, man könne sich (?) auf Quotenerhebungen als gute Indikatoren der öffentlichen Meinung verlassen und konnte dazu verschiedene Kommentare lesen: „Doping beeinflusst nicht zwangsweise den medialen Erfolg der Tour,“ erklärt Patrick Ballarin, TV-Direktor. „Man konnte das bereits am Ende der 90er Jahre, zur Zeit der Festina-Affaire, feststellen.“ (Le Monde 08/07/2007).

 

Trotzdem seltsam. Uns liegen Zahlen vor, die genau das Gegenteil aussagen.



Jahr 
Zuschauer  
Dopingaffairen 
 
 
 
 
1997 
5,1 millions 
L’équipe Festina pète le feu 
1998 
3,6 millions 
Affaire Festina, Virenque exclu du tour 
1999 
3,8 millions 
Armstrong vainqueur, positif mais blanchi 
2000 
3,85 millions 
Sacs poubelle de l’US Postal 
2001 
3,5 millions 
Blitz de San Remo au Giro 
2002 
3,7 millions 
Affaire Vandenbroucke 
2003 
4,3 millions 
armistice anti-dopage pour cause de centenaire 
2004 
4,1 millions 
 
2005 
4,2 millions 
 
2006 
3,6 millions 
Opération Puerto + Floyd Landis 
2007 
3,6 millions 
Vinokourov, Rasmussen pris par la patrouille 
2008 
3,4 millions 
Riccardo Ricco, Leonardo Piepoli… 
 
 


* Anmerkung Maki: 2015 wurden im Durchschschnitt 3,4 Millionen Zuschauer bei France 2 und France 3 gemessen (lefigaro.fr, 29.7.2014).

2015 waren es durchschnittlich 3,5, Mio. (leblogtvnews.com, 27.7.2015).

Eurosport hatte am 16.7.2015 im Durchschnitt 157 000 Zuschauer (fr.sports.yahoo.com, 16.7.2015).

 



Der Absturz der Zuschauerzahlen

Verglichen mit der Austragung 1997, dem Jahr des Team Festina-Triumphes mit seinem herausragenden Leader Richard Virenque, genügt ein schneller Überblick, um festzustellen, dass mit jeder größeren Dopingaffaire ein deutlicher Zuschauerrückgang verbunden ist: Mit der Festina-Affaire (1998), der Eröffnung von Ermittlungsverfahren gegen 40 Fahrer nach dem „Blitz von San Remo“ während des Giro d’Italia (2001), der Affaire Operation puerto als Grund mehrerer Tour-Ausschlüsse von Armstrongs Thronfolgern.

 

Im Mai deckt die Guardia civil in Madrid ein weit verzweigtes Handelsnetz mit Blutbeuteln und Dopingprodukten auf, in das vor allem Radsportler auf höchstem Niveau verwickelt sind. Die vermutlich wichtigsten Protagonisten der Tour 2006 werden noch vor dem Prolog ausgeschlossen. Damit sind die fünf ersten der Tour 2005 nicht am Start. Neben Lance Armstrong, der seinen Abschied genommen hatte, fehlen Ivan Basso, Jan Ullrich, Francisco Mancebo und Alexandre Vinokourov aufgrund der Auswirkungen der Operacion puerto. Doch nicht nur die Giganten der Landstraße waren davon betroffen, auch die Einschaltquoten des Französischen Fernsehens erlitten einen spektakulären Einbruch: 1,5 Millionen Fernsehzuschauer - 20 % - weniger waren es im Vergleich zu 2005 in der zweiten Woche (Le Point, 18/07/2006).

 

Die Affaire Operacion puerto belastete während des gesamten Jahres 2006 das TV-Zuschauerverhalten bei Radrennen. Nach der Tour de France erreichte diese Schockwelle im September (27.08-18.09) die Vuelta. Verglichen mit 2005 verliert die dritte große Rundfahrt nach Tour und Giro 30% seiner Radsportfans am Fernsehgerät. In Zahlen ausgedrückt sind das 471 000 weniger Fernsehzuschauer in einem Jahr. Wer kann nach solch einem ’Gemetzel’, das der Tour de France folgte, noch sagen oder schreiben, das Publikum schere sich nicht darum, ob sie „alle gedopt“ seien?

 

Das Publikum ist nicht unsensibel

Auch im nächsten Jahr ging die Zahl der Fernsehzuschauer stark zurück als nach und nach die großen Favoriten, der Kasache Alexandre Vinokourov und der Träger des Gelben Trikots, der Däne Michael Rasmussen wegen Dopings vorzeitig ausgeschlossen wurden. Ganz zu schweigen von den starken Verdachtsmomenten, die den späteren Sieger, den Spanier Alberto Contador begleiteten. Daniel Bilalian, Sportchef des franz. Fernsehens, meinte ziemlich offen, als er zu den Zahlen befragt wurde: „Dieses Jahr hatten wir eine gute erste Woche, eine stabile zweite und eine dritte mit starkem Rückgang aufgrund der Dopingaffairen. Das beweist, dass das Publikum nicht unsensibel ist und sich die Affairen auswirken.“ Festzuhalten bleibt, dass diese Entwicklung auch in anderen Ländern zu beobachten ist. Der Sender SAT1 in Deutschland, der die Rechte von ARD und ZDF übernommen hatte, nachdem diese ausgestiegen waren, gab seine Enttäuschung angesichts der Zahlen zu (lediglich 710 000 Fernsehzuschauer) und verkündete, keinen Radsport mehr übertragen zu wollen. Zum Vergleich: 2003 saßen 3,2 Millionen Deutsche vor dem Gerät. „Die Ergebnisse liegen hinter unseren Erwartungen. Das hängt ganz sicher mit dem Mangel an Glaubwürdigkeit der Veranstaltung zusammen“ meinte ein Sprecher des Senders (L’Équipe, 31/07/2008). In Spanien verfolgte trotz des spanischen Siegers kaum eine Million Zuschauer das Rennen.

 

Am 28. Juli 2008 ließ das Französische Fernsehen in einem Kommuniqué zur Tour 2008 verlauten, die Zuschauerbilanz sei stabil, doch in Wirklichkeit waren es 200 000 Fernsehzuschauer (3,4 Millionen) weniger. Auch hier zeigten die 5 positiven Fälle während des Rennens, dass die „Tour der Erneuerung“ noch nicht in der Zukunft angekommen ist. Kurz vor der letzten Austragung 2008, befragte die Zeitschrift l’Équipe (15/02/08) seine Leser darüber, ob sie die Antidopingmaßnahmen der Organisatoren unterstützten. Die Frage lautete wie folgt:„Finden Sie es richtig, dass das Team Astana nicht zur Tour eingeladen wurde?“ Von den 54 331 Abstimmenden unterstützen 76% die Entscheidung der ASO (Tourorganisatoren), nur 19% waren damit nicht einverstanden.

 

Die Straßenreiniger

(...) Seit der Festina-Affaire 1998 sah ich, wenn ich mit dem Fahrrad die Alpenstraßen, die Wochen zuvor von den Fahrern der Tour de France befahren wurden, hochkletterte, zwischen den Straßenmalereien, die zur Verehrung der Giganten der Landstraße aufgemalt waren, auch Zeichnungen von riesigen Spritzen (von 3-4 Metern und mehr) oder andere Graffitis, die die Medikamentengewohnheiten des Pelotons anprangerten: EPO, alle voll usw..

 

Seit der Tour 2006 sind diese negativen Aufschriften verschwunden, selbst während des Rennens fehlen sie bereits, denn die Organisatoren haben einen weißen LKW gemietet, der einige Stunden vor der Karawane die Strecke abfährt und dessen zwei Insassen, auf weiße Farbe spezialisierte Maler, die Aufgabe haben, die Strecke der Tour von allen Slogans, die das Image des großen Julifestes beschädigen könnten, zu reinigen. Das bezieht sich auf Doping und die Graffitis, die an die EPO-Abhängigkeit eines Teils des Pelotons erinnern. Sobald ein „Tous Drogués“ auf der Straße auftaucht, steigen die beiden Reiniger schnell aus dem Wagen, entfernen einige Buchstaben aus dem unangenehmen Spruch und fügen andere ein, damit für die Sklaven der Landstraße und die Kameras des Französischen Fernsehens Positiveres zu lesen ist. Z.B. wird das O in EPO – dem Star des Asphalts – schnell in ein lachendes Gesicht - Typ Toto - umgewandelt, indem man eine Nase, zwei Augen und zwei Ohren hinzufügt. Um diese ASO-Malereien zu umgehen, schwenken Zuschauer Banderolen mit deutlichen Botschaften. Z. B. spricht einer auf einem gut sichtbaren Schild einfach so einen Giganten der Landstraße an mit: „Setz deine Spritze ab, damit du wie ein Fahrer aussiehst.“ Ein anderer beschimpft das Modedopingmittel: „EPO, das Volk will deine Haut.“ Am 8. Juli 2004, während der 5. Etappe der Tour zwischen Amiens und Chartres, demonstrierten drei Zuschauerinnen sehr zurückhaltend gegen Doping. Mit einem dicken Filzstift hatten sie auf ihren Leib in großen Buchstaben E.P.O. geschrieben und um größere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gingen sie oben ohne. Da sie jung und schön waren, senkte niemand die Augen, vor allem Armstrong nicht, der sie als erster bemerkte. Und da er gerne teilt, deutete er mit dem Finger auf sie, um sie den anderen Fahrern zu zeigen.

(...)

 

Schlussfolgerung: Der Erfolg einer Sportart im Fernsehen hängt sehr wohl von dessen Glaubwürdigkeit ab. Zudem äußern die Zuschauer an der Straße offen durch Schriftzüge oder Transparente ihren Wunsch nach sauberen Rennen. Die Schönheit der Landschaft und die Werbekarawane genügen nicht.



von Maki, November 2008, ergänzt 2010


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