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BRD / DDR - Vergangenheit



BRD: Aufarbeitung der westdeutschen Doping-Vergangenheit



die Vergangenheit schlägt zurück




Jahrelang schien es so, als sei die bundesdeutsche Dopingvergangenheit aufgearbeitet oder besser gesagt abgehakt - es herrschte Ruhe. Mit der Diskussion um belastete DDR-Trainer vor den Olympischen Sommerspielen 2008, hier insbesondere um den Trainer Werner Goldmann, geriet das gesamte wiedervereinigte deutsche Sportsystem einschließlich der damit befassten politischen Gruppierungen in das Fadenkreuz öffentlicher Diskussionen.



>>> c4f: Trainerdebatte I: der Fall Werner Goldmann und die Folgen

>>> c4f: Trainerdebatte II: 2009 Diskussion und Aufarbeitung

 

Der DOSB reagierte auf die Debatte um die Trainer im Herbst des Jahres 2008 mit der öffentlichen Ausschreibung eines 500 000 € teuren Forschungsprojektes, welches die west- und ostdeutsche Doping-Vergangenheit aufarbeiten sollte. Mittel für solch ein Forschungsprojekt waren jedoch bereits im Frühjahr 2008 bewilligt worden (ND, 19.6.2009).

 

Ebenfalls 2009 wurde ein weiteres Forschungsprojekt mit ähnlich hoher Mittelvergabe begonnen: Translating Doping - Doping übersetzen .

Bearbeitet wurde es an der Humboldt-Universität (Teilprojekt A) und an der Technischen Universität Berlin (Teilprojekt B). Von Anfang an bis zum Ende der Arbeit 2012 wurde hier versucht mit Hilfe der Projekt-Homepage Öffentlichkeit her zu stellen, allerdings blieb die Beachtung in den Medien gering. Inhalte und Ergebnisse wurden keiner breiten Öffentlichkeit nahe gebracht.



Forschungsprojekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“

Genese und Fertigstellung des Projektes verliefen konfliktreich und für die Betrachter häufig undurchsichtig. Viele Fragen sowohl zum Ablauf der Forschungstätigkeiten wie zu den vorgestellten Inhalten blieben offen. Im Folgenden werde ich versuchen die Chronologie des Vorhabens dar zu stellen.



- Veröffentlichungen

- kontroverse Diskussionen um das Projekt

- Vorstellung erster Ergebnisse des Forschungsprojektes

- Anmerkungen der Forscher zu den Anforderungen an die offiziellen Abschlussberichte

- Diskussion um die Veröffentlichung der gesamten Studie

- Desiderata und Empfehlungen der beiden Forschergruppen



veröffentlichte Ergebnisse



Bereits 1969 wies Brigitte Berendonk, damals Mitglied der Leichtathletik-Nationalmannschaft der BRD, auf die weitverbreitete Anwendung von Anabolika hin und benannte die damit verbundenen gesundheitlichen Gefahren.
"Sportführung und Sportpresse haben sich, von einigen gelegentlichen Vorstößen abgesehen, bisher im wesentlichen nur darum bemüht, daß der Sport nicht "sein Gesicht verliert". Man war peinlich darauf bedacht, das derart weitverbreitete Doping mit Steroiden (und die chemische Kategorie ist ja, die Sache mal zu Ende gedacht, der einzige Unterschied zum verbotenen Doping etwa mit Alkaloiden)zu vertuschen und zu verdrängen."
die Zeit, 5.12.1969: Züchten wir Monstren?



Prof. Dr. Ludwig Prokop
"Viele Sportler, zum Beispiel Radrennfahrer, Schwerathleten, Fußballer, viele Leichtathleten, Skiläufer und Eisschnelläufer, werden fast routinemäßig auf den Wettkampf mit Medikamenten vorbereitet. Doch muß ein solches Doping sowohl aus medizinischen als auch allgemein sportlich-ethischen Grundsätzen abgelehnt werden."
(Genannt werden folgende Präparate und ihre Hersteller: Cardiazol Knoll Ludwigshafen, Dianabol Ciba Wehr (Baden), Emdabol Merck Darmstadt, Pervitin Temmler Marburg, Sympatol Boehringer Ingelheim)
Selecta 10/43 S.2803 (1968)



Prof. Werner Franke:
FAZ: Sie behaupten auch, führende deutsche Sportfunktionäre hätten schon seit Jahrzehnten vom Doping in Westdeutschland gewußt. Woher wissen Sie das?

Franke: Ende der siebziger Jahre haben wir durch ein Mitglied der Dopingkommission eines Fachverbandes - ich will den Namen nicht sagen, weil er noch als Funktionär tätig ist - davon erfahren. Er hat in Telefongesprächen mit bedeutenden Leuten des deutschen Sports dieses Thema angesprochen und in seiner Not die Gespräche aufgezeichnet. Diese hat er uns vorgespielt.
(FAZ, 17.6.1998)

Die Endberichte dieses Projektes wurde am 5. 8. 2013 nach langer kontroverser Diskussion veröffentlicht:

>>> BISp "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation"

 

die inhaltlichen Berichte:

Inhaltlicher Bericht der WWU Münster "Sport und Staat" (pdf 940-KB)

 

Inhaltlicher Bericht der WWU Münster "Die Rezeptionsgeschichte des Dopings ..." (pdf 1469-KB)

 

Inhaltlicher Bericht der HU Berlin (pdf 791-KB)

 

 



in Buchform vorliegende Veröffentlichungen

Im Frühjahr 2013 erschien ein erster Band der Forscher der Humboldt-Universität mit Ergebnissen, die in weiten Teilen im Oktober 2010 vorgestellt worden waren:

Giselher Spitzer (Hrsg.), Doping in Deutschland: Geschichte, Recht, Ethik. 1950-1972

 

Inhalte dieser Teilstudie habe ich in folgende Betrachtung eingearbeitet:

>> c4f: Dopingforschung / -diskussion der 1950-1960er Jahre

 

Der zweite Band der HU-Forscher mit ihren ausführlich dargestellten Ergebnissen, erschien Anfang September:

Erik Eggers, Giselher Spitzer, Holger J. Schnell, Yasmin Wisniewska, Siegen um jeden Preis, Doping in Deutschland: Geschichte, Recht, Ethik 1972-1990

 

Die Jahre 1990 bis heute, die Teil des gesamten Forschungsprojektes sein sollten, wurden lediglich von Forschern aus Münster einbezogen. Die Forschergruppe um Giselher Spitzer sah sich nicht in der Lage innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens und der ihm zur Verfügung stehenden Mittel, diesen dritten Zeitabschnitt zu bearbeiten.

 

Im April 2014 wurden die Ergebnisse der Münsteraner Gruppe in Buchform veröffentlicht. Die Forscher arbeiteten einige Diskussionsergebnisse der letzten Monate mit ein. Insbesondere gingen sie auf die Veröffentlichungen der Berliner Gruppe ein. Dabei kritisieren sie deren Forschungsansatz, werfen ihnen mangelnde historische Sicht, fehlende internationale Betrachtungen und voreingenommene Interpretationen vor.

libreka: Doping und Anti-Doping in der Bundesrepublik Deutschland 1950 bis 2007

 

Fazit: Die Interpretationen der beiden Forschergruppen verschiedener Ereignisse und Entwicklungen innerhalb der westdeutschen Dopinggeschichte unterscheiden sich erheblich voneinander.



weitere Veröffentlichungen

Die Veröffentlichung von Studienergebnissen verlief unübersichtlich und führte letztlich zu heftigen Auseinandersetzungen und Irritationen.

Unterschieden werden muss zwischen Veröffentlichungen von Berichten, die für das BISp bestimmt sind und von Berichten und Arbeiten, die darüber hinaus gehen und in eigener Verantwortung der beiden Universitätsgruppen liegen. Siehe hierzu u.a. die Stellungnahme des BISp für die Sitzung des Sportausschusses am 2.9.2013. Warum das BISp allerdings so lange gezögert hatte mit der Veröffentlichung der für sie bestimmtem Versionen, bleibt mir unklar.

 

Unabhängig vom BISP waren bis zum 5. August 2013 Texte zu einem Themenschwerpunkt (Dopingskandale), die von der Gruppe der Universität Münster verfasst wurden, online zugänglich. Weitere Texte waren nur zu hohen Kosten erhältlich.

Dopingskandale in der alten Bundesrepublik - Öffentlicher Diskurs und sportpolitische Reaktionen

>>> Die Brustmann-Affäre, Der erste deutsche "Dopingtote": Jupp Elze, Die "Kolbe-Spritze", Tod durch Multiorganversagen: Birgit Dressel, Moralische Ächtung und Symbolpolitik?

Zeitschrift Sportwissenschaft: Der Dopingdiskurs der 1950er und 1960er Jahre in den Leitmedien Der Spiegel und Die Zeit

Zeitschrift Sportwissenschaft: Die 1960er Jahre als Formationsphase von modernem Doping und Anti-Doping

 

Eine vollständige Publikationsliste einschl. Vorträgen bis zum 28.8.2013 ist im Endbericht des BISP, Seite 30,31 zu finden.

 



Bericht der Steiner-Kommission des DOSB - Handlungsempfehlungen auf Basis der Studie

Anfang September 2013 berief der DOSB eine unabhängige Kommission unter Vorsitz von Prof. Dr. Udo Steiner, die Handlungsempfehlungen auf der Basis der Studie erarbeiten sollte. Die Kommission legte ihren Bericht im Juni 2014 vor (DOSB, 11.6.2014).

>>> DOSB-BERATUNGSKOMMISSION DOPING IN DEUTSCHLAND, ABSCHLUSSBERICHT

 

 



kontroverse Diskussionen um das Projekt

Die Initiierung des Projekts stieß schnell auf großes Erstaunen und löste heftige öffentliche Reaktionen aus. Gab es doch bereits seit vielen Jahren erarbeitete Materialien und Bücher, die genau dies getan hatten, allerdings ohne dass Verbandsfunktionäre und -gremien größer Kenntnis davon genommen hätten oder gar Konsequenzen gezogen wurden.

 

Grundlegende Arbeiten zu dem Thema, in denen diese Beziehungen komplex zusammengestellt und offen gelegt wurden, sind vor allem die Arbeiten von Brigitte Berendonk, Doping 1992 und von Andreas Singler/Gerhard Treutlein, Doping im Spitzensport. Treutlein: Ca. 500 Exemplare von Singler/Treutlein (2000) wurden als Möglichkeit zur Information an relevante Personen im organisierten Sport u.a.m. verschenkt. (Stellungnahme Treutlein, Sportausschuss 2.9.2013)

 

Prof. Dr. Gerhard Treutlein z. B. wollte sich nicht bewerben. Er begründet seine Nichtteilnahme an dem DOSB-Forschungsprojekt Dopinggeschichte in einem ausführlichen Schreiben vom 5.11.2008, in dem er vor dem Hintergrund seiner negativen Erfahrungen mit den einschlägigen Institutionen resignativ die Frage stellt "Was ist der Sinn dieses Forschungsvorhabens und welches Ergebnis wird angestrebt?"

Prof. Karl-Heinrich Bette (die Dopingfalle) meinte "viele Interessen seien in der Ausschreibung vermischt worden. In einem Projekt die gesamte Doping-Vergangenheit von Leichtathletik Fußball, Handball, Rudern oder Gewichtheben aufzuklären sei schlicht unmöglich. Zudem seien zu viele wissenschaftliche Perspektiven abgefragt. "Die Ausschreibung ist so, wie Klein Fritzchen sich die Forschung vorstellt. Seriöse Wissenschaftler setzen sich mit so etwas nicht auseinander". (die Zeit, 11.3.2009)

 





BRD Doping-Aufarbeitung: Schriftwechsel 2009 H. Kofink mit DLV und DOSB:
Justitiar Niese: "Die Aufarbeitung, sofern sie zu spürbaren Konsequenzen führen soll, scheitert oftmals am Aspekt beweiskräftiger Belegbarkeit." Der Fall Goldmann sei einer der wenigen Fälle, in dem ein Zeuge seine Vorwürfe vor einem Gericht wiederholt habe. Die Arbeit der Kommissionen [1991] sei aber keineswegs ohne Ergebnisse geblieben. "Die seinerzeitigen Anhörungen haben viel dazu beigetragen, Verständnis für die Systemstrukturen zu wecken und in den Fällen, in denen sich die Erkenntnislage verdichtet hatte, auch Empfehlungen auszusprechen. Weder der DOSB noch der damalige Deutsche Sportbund nehmen allerdings eine Wächterfunktion im freiheitlichen Sportsystem ein. Es ist folglich nicht möglich, der evtl. Nichtbefolgung einer Empfehlung Sanktionen hinterherzuschicken."



1992: Schwimmerin Astrid Strauß erklärt ihren viel zu hohen Testosteronwert mit zuviel Erdbeerbowle. Ihr Trainer war Bernd Henneberg, der zugegeben hatte, Teil des DDR-Dopingsystems gewesen zu sein.
H. Kofink: Es seien noch immer Trainer und Mediziner beim Verband angestellt, die schon in der DDR verbotene Muskelmastprogramme durchgesetzt hätten. Klaus Henter, Chef des Schwimmverbands DSV, sieht keinen Handlungsbedarf: „Bei uns im Westen sind doch auch früher Pillen verabreicht worden.“
FOCUS, 6.12.1993



Prof. Dorothee Alfermann, Beirat des Forschungsprojektes;
"Es geht nicht in erster Linie darum herauszufinden, wer wen gedopt hat und wer persönlich wie belastet ist. Solche Erkenntnisse können natürlich bei dem Projekt zu Tage gefördert werden, aber darauf liegt nicht das Hauptaugenmerk. Vielmehr geht es um historisch-ethische Betrachtungen und Bewertungen und darum, die Einstellungen von Staat und Politik zum Sport und zu leistungssteigernden Mitteln herauszuarbeiten. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Einstellungen zu Doping und die ethischen Bewertungen von den Anfängen nach 1945, als es für dieses Phänomen noch nicht einmal eine Definition gab, jeweils verändert und entwickelt haben, und zwar bis zum heutigen Tage."

Clemens Prokop, DLV-Präsident stellte sich am 22.2.2009 voll und ganz hinter das Forschungsvorhaben und erweckte den Eindruck, als wäre die westdeutsche Doping-Vergangenheit ein weißer Fleck. "Diese Frage ist vermutlich im Westen schwieriger aufzuklären als im Osten-Bereich, weil wir für den Osten genauere Dokumentationen haben. Was wir machen ist, dass wir das Forschungsprojekt des DOSB Doping in Deutschland (...) ein wissenschaftliches Projekt, das unter der Federführung des BISp durchgeführt wird (...) aktiv in jeder Form unterstützen werden." (dradio, 22.2.2009, 4:00MIN)



Doch ausgerechnet in der Leichtathletik liegen sehr viele Fakten auf dem Tisch. Allerdings wurde in den letzten Jahrzehnten von interressierter Seite auch weitere Aufklärung verhindert. Insbesondere das genannte Bundesinstitut für Sport BISp spielte nach Ansicht vieler im Zusammenhang mit der Dopinggeschichte eine entscheidende und unrühmliche Rolle.

 

Prof. Dr. Gerhard Treutlein wandte sich daher mit zwei Offenen Briefen an DLV-Präsident Clemens Prokop:

Offener Brief vom 18.3.2009

Offener Brief vom 9.4.2009

Eine öffentliche Reaktion seitens des DLV ist bislang nicht bekannt, es gab aber Antwortschreiben. G. Treutlein reagierte erneut und veröffentlichte Teile seiner Schreiben Briefe vom 12.5. und 17.7.2009.



Vergabe des Projektes

Am 7. August 2009 gibt das BISp bekannt, dass das mit 500.000 EURO veranschlagte Forschungsprojekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“ an die Humboldt Universität (HU), Berlin, und die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU), Münster, vergeben wurde. Der Bearbeitungszeitraum betrage 36 Monate (BISp).

 

Die Skepsis gegenüber dem Projekt hielt jedoch weiter an. So soll aufgrund der nach der Ausschreibung vorgetragenen Kritik das BISp die beiden eingegangenen Bewerbungen wisssenschaftlich begutachtet haben lassen - mit dem Ergebnis "wirklich negativ". Dass daraufhin die Vergabe trotzdem erfolgte, wurde von Professorin Ulrike Beisiegel, Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), als bedenklich eingestuft: "In diesem Bereich der Forschungsförderung wäre generell mehr Transparenz nötig". "Nach negativen Gutachten trotzdem zu fördern, ist definitiv keine gute wissenschaftliche Praxis." Zu Fragen Anlass gab zudem die Wahl. "In Berlin würde mit Elk Franke ein Professor profitieren, der das Projekt selbst mit angeschoben und die Ausschreibung sogar maßgeblich entwickelt hat." (die Zeit, 7.8.2009)

 



Vorstellung erster Ergebnisse des Forschungsprojektes

Am 25. Oktober 2010 wurden in Leipzig erste Forschungsergebnisse des Projektes „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“ öffentlich vorgestellt:

DOSB: Studie erhellt dunkle Seiten des deutschen Sports

 

die Zeit: Das Pervitin-Wunder von Bern?

 

Die zweite Präsentation von Zwischenergabnissen erfolgte vom 26.-27. September 2011 in Berlin. Die beiden Forschergruppen aus Berlin und Münster fassten ihre Ergebnisse über die Jahre 1972 bis 1989 in zwei Papieren zusammen, die hier nachzulesen sind:

>>> Teilergebnisse der Humboldt-Universität zu Berlin

>>> Teilergebnisse der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster






Die Vorstellung der dritten Forschungsergebnisse am 6.11.2012 in Berlin geriet zum Eklat.

Die Berliner Forschungsgruppe musste nach eigenen Angaben bereits im Mai 2012 wegen Geldmangels aussteigen. Sie beklagten allerdings auch unzumutbare Datenschutzbestimmungen, die eine Veröffentlichung relevanter Untersuchungsergebnisse verhinderten und verhindern. So läge ein über 800 Seiten umfassender Bericht zu den Jahren 1950-1990 vor. Dem widersprach das BISP und legte ein Schreiben vom 30.5.2012 vor, in dem die Veröffentlichung der Ergebnisse autorisiert worden war.

 

(Siehe hierzu die späteren Erklärungen sowohl von Spitzer als auch von Seiten des BISP bez. der Anforderungen an die Forschungsberichte für das BISp und die Eigenverantwortung von weiteren Veröffentlichungen der Forschergruppen. )



Anmerkungen der Forscher zu den Anforderungen an die offiziellen Abschlussberichte



Kleine Anfrage Bündnis90/Die Grünen, Drucksache 17/14558, 13.8.2013:
Wissenschaftliche Erkenntnisse über Doping in Deutschland seit 1950, Beteiligung des Bundes an Projekten zur Dopingforschung und deren Finanzierung durch den Bund

Antwort der Bundesregierung, Drucksache 17/14715, 6.9.2013

Nachem der Süddeutschen Zeitung und anderen eine Langfassung der HU-Stdie über 800 Seiten vorgelegt worden war, kam der Verdacht auf, die Studie sei zensiert worden. Es fehlen in der online-Version die Zeitzeugenberichte und Namen.

Christian Becker, Mitarbeiter des Münsteraner Projektteils, meinte in einem Kommentar bei Jens Weinreich hierzu:

"Als Mitarbeiter des Münsteraner Forschungsprojekts erlaube ich mir zwei Anmerkungen:

1. Die sog. Projektphase III – also der Zeitraum 1989/90 bis 2007 – ist sehr wohl bearbeitet worden und zwar in Münster unter der Fragestellung “Staat-Sport” und “Internationalisierung von Doping und Anti-Doping in WASA/NADA”. Nachzulesen ist dies im ebenfalls unter www.bisp.de abrufbaren “Inhaltlichen Abschlussbericht WWU Sport und Staat” ab S. 93 ff. Selbstverständlich gibt es dazu auch Langfassungen.

 

2. Auch wenn es mir leid tut um alle Verschwörungstheorien: Auf der Website des BISp sind tatsächlich die offiziellen Abschlussberichte eingestellt, die die Projektgruppen bis Februar 2013 mit einer vorgebenen Gesamtlänge von ca. 100 (bei Wissenschaftlern werden daraus gewohnheitsmäßig mindestens 120) Seiten einreichen sollten. Diese sollten als eine lesbare Zusammenfassung und Gesamtdarstellung der über die 3 Projektjahre erstellten Zwischenberichte und Detailstudien (das sind die fehlenden 800 Berliner Seiten) abgefasst sein und zudem die Rückmeldungen des Wissenschaftlichen Beirats berücksichtigen. Zumindest für den Münsteraner Abschlussbericht konnten wir keine Kürzungen oder andere Formen der Zensur in der jetzt veröffentlichten Fassung feststellen. Daneben existieren – wie bereits erwähnt – Zwischenberichte und Einzelstudien sowie im Münsteraner Fall Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften (z.B. Sportwissenschaft, Deutschland Archiv sowie englischsprachigen Journals)."



Giselher Spitzer erklärte daraufhin in der Berliner Zeitung vom 7.8.2013:

Der Abschlussbericht wurde nicht verschlankt, er folgt bezüglich der Länge den Vorgaben des Auftraggebers für eine zusammenfassende Präsentation der Ergebnisse. Er unterscheidet sich von den Ergebnissen her aber nicht von der gesamten Studie, die noch in einem ausführlichen Band zu veröffentlichen ist.

Stimmt es, dass bei der Erstellung der Kurzversion vor allem Zeitzeugenberichte unter den Tisch fielen und so vorläufig das juristische Risiko minimiert wird, das durch die Nennung heute noch lebender und teilweise noch mit dem Spitzensport verbundener Personen entstünde?

Ich weise gerne noch mal darauf hin, dass dieser endlich durch das Bisp im Internet veröffentlichte zusammenfassende Bericht schon seit Projekterteilung das vorgegebene Ziel der Studie war. Weil uns das aus Sicht der Forschung aber nicht reicht, werden wir versuchen, eine ausführliche Studie mit autorisierten Zeitzeugenberichten, Fundorten der Dokumente und Archivangaben zu veröffentlichen."

 

Entsprechend dem ersten nicht vom BISp veröffentlichen Teil der HU-Studie, wurde für Anfang September der Druck in Eigenregie des zweiten Teils 1972 bis 1989 angekündigt. Er erschien im Verlag Die Werkstatt unter dem Titel 'Siegen um jeden Preis'.

 



Diskussion um die Veröffentlichung der gesamten Studie



Die Forscher hatten einige Schwierigkeiten an Akten zu gelangen.
Beispiel Deutscher Schwimmverband:
"Ob noch einschlägige Unterlagen im Archiv des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) lagern, ist unklar; unsere Gruppe verzichtete letztlich aus Zeitgründen auf eine Einsichtnahme in die Akten, nachdem der DSV (Generalsekretär Fornoff) über Monate eine Anfrage verschleppt hatte und dann auch DSV-Präsidenten Christa Thiel deutlich machte, dass sie eine Einsichtnahme aus verbandspolitischen Gründen nicht begrüßt. Thiel [DOSB-Vizepräsidentin] begründete das auf Anfrage des Autors damit, dass „nicht jeder in den Akten herumfuhrwerken dürfe“; sie müsse die Interessen des Verbandes schützen."
(HU-Gesamtbericht, S. 326)

Anfang August veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine eigene Zusammenfassung, oder besser einige Ergebnisse aus der unveröffentlichten Langfassung der HU-Studie *. Wenige Tage zuvor hatten die Main Post und die Märkische Oderzeitung bereits mit der Veröffentlichung einer bislang (auch den HU-Forschern) unbekannten Studie aus dem Jahr 1971 für Aufregung gesorgt. Danach hatte das junge BISp Herbert Reindell und Joseph Keul von der Freiburger Sportmedizin Studien mit Dopingmitteln genehmigt und finanziert (Studien-Antrag 1971, Reindell, Keul).

 

Beide Medienberichte zusammen führten zu einer hohen medialen Aufmerksamkeit, wenn nicht gar Aufgeregtheit. Plötzlich hatte es den Anschein, als sei das Doping in der frühen Bundesrepublik völlig neu entdeckt worden.

Immerhin sah sich das Bundesinnenministerium plötzlich in der Lage, zu verkünden, die Studie werden nun vollständig veröffentlicht, etwaige Bedenken seien ausgeräumt (FAZ, 4.8.2013). Zu diesem Zeitpunkt dürften aber bereits Verlagsarbeiten zur Veröffentlichung, angekündigt für und erfolgt Anfang September 2013, des HU-Teils II 1973-1989 angelaufen gewesen sein. (Teil II: Siegen um jeden Preis) Diese ganze Diskussion und das was darüber öffentlich wurde, lässt noch einige Fragen offen.

 

Schnell äußerten sich auch Parteieinvertreter und forderten eine Sondersitzung des Sportausschusses bzw. erwogen eine solche. Hierzu anzumerken ist allerdings, dass am 26. Juni 2013 das Thema zum 3. Male auf der Agenda des Ausschusses stand. Hierfür hatte Christoph Bergner (CDU) für das Bundesinnenministerium erklärt, warum die Studie noch nicht vorgelegt werden konnte. Und Giselher Spitzer gab ein Papier aus, in dem er versuchte den Forschungs- und Ergebnisumfang in wenigen Worten darzustellen. Das Papier schließt mit "Acht Empfehlungen und Desiderata aus Sicht des Berliner Teilprojekts".

Ob es in der damaligen Sitzung des Sportausschusses zu einer Diskussion kam, ist mir nicht bekannt. Es liegt aber ein Präsidiums-Beschluss des DOSB zu diesem Papier vor.

Erklärung Bergners für die Sportausschusssitzung am 26.6.2013

Statement Spitzer für den Sportausschuss

DOSB-Präsidiums-Beschluss FORSCHUNGSPROJEKT „DOPING IN DEUTSCHLAND“

 

Die Sondersitzung des Sportausschusses wurde für den 2. 9. 2013 festgesetzt.

 

* Diese inoffizielle Langfassung der HU-Studie, die der SZ vorgelegt wurde, verbreitete sich schnell über Emails. Sie enthält Verschriftungen von Zeitzeugen-Interviews, die zwar anonymisiert sind, aber für Kenner der Szene leicht den interviewten Personen zuzuordnen sind. Die offizielle Version enthält diese Zeitzeugeninterviews aus Datenschutzgründen nicht. Es stellt sich mir die Frage, welche Abmachungen mit den Zeitzeugen getroffen wurden, ob sie der Herausgabe ihrer Aussagen zugestimmt haben.



Erklärung des BISp zur Studie, 28.8.2013

Am 28.8.2013 veröffentlichte das BISp auf seiner Homepage seinen Abschlussbericht zu den beiden abgelieferten Studien und zu der vorausgegangenen breiten kontroversen Diskussion und Medienberichterstattung.

BISp: Stellungnahme des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) zum Forschungsprojekt "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation"

 

Der Bericht war auch gedacht als Beitrag für die am 2.9.2013 stattfindende öffentliche Sitzung des Sportausschusses.



Sportausschusssitzung 2.9.2013

Am 2.9.2013 fand eine öffentliche Sitzung des Sportausschusses des Dt. Bundestage statt. Ein Thema war der Abschlussbericht der Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation". Die Diskussion nach der Veröffentlichung von Teilberichten, die vor allem in den Medien geprägt war von hoher Aufgeregtheit und Schuldzuweisungen und begleitet war von Auseinandersetzungen zwischen den beteiligten Gremien und Gruppen, spiegelt sich auch in den Sitzungsunterlagen wieder.



Stellungnahme Uni Münster Meier

Stellungnahme HU Spitzer

Stellungnahme DOSB

Stellungnahme BISp

Stellungnahme NADA *

Stellungnahme Treutlein

Antrag Bündnis 90/Die Grünen

 

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen nimmt Gieselher Spitzer Stellung zu den verschiedenen Kritikpunkten und Vorwürfen die ihm und seiner Forschergruppe in Zusammenhang mit der Studie entgegen gebracht wurden: FAZ: Giselher Spitzer „Unsere Ergebnisse wurden nicht akzeptiert“, 16.9.2013





Die Fraktion die Linke stellte im Februar 2014 eine Kleine Anfrage mit einem umfangreichen Fragenkatalog an den Deutschen Bundestag über den Umgang mit und den Konsequenzen aus der Studie 'Doping in Deutschland':
Die Linke, Kleine Anfrage, Konsequenzen aus der Studie „Doping in Deutschland....

>>> Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage, Drucksache 18/683

Die Debatte im Sportausschuss endete ohne Ergebnis, lediglich Innenminister Friedrich kündigte die Gründung eines Arbeitskreises an, der sich mit einer Änderung der Anti-Doping-Gesetzgebung beschäftigen soll. Damit reagierte er auf sofort nach Bekanntwerden von Ergebnissen der Studie laut gewordenen Rufen nach einem Anti-Doping-Gesetz. Wobei auch hier fest zu halten ist, dass die öffentliche Diskussion letztlich oberflächlich und populistisch geführt wurde und wenig auf notwendige konkrete Inhalte und Maßnahmen eingegangen worden war. Im November 2014 legten BMI und Bundesjustizministerium aber einen gemeinsamen Entwurf eines eigenständigen Anti-Doping-Gesetzes vor. (c4f-Dossier: deutsche Antidoping-Gesetzgebung)

 

Wichtige Fragen, die sich aus der Gesamtstudie ergaben und für die gegenwärtige und zukünftige Sportpolitik von hohem Interesse sein sollten, wurden überhaupt nicht angesprochen. So z. B. Fragen zu dem Verhältnis Sport und Politik, früher und heute, zu den Erwartungen an den Hochleistungssport und an die Leistungssportler, zu den Strukturen, die Doping begünstigen und Fragen der Dopingprävention.

 

Das Tenor des Presseechos nach der Sitzung war einhellig negativ:

Main Post, Berliner Zeitung, die Zeit, spiegel-online, SZ, n-tv, nd

 

* In ihrer Stellungnahme erklärte die NADA, sie habe gerichtliche Schritte gegen das Forscherteam aus Berlin eingeleitet. Im März wird bekannt, dass die Agentur darauf verzichtet (nd, 28.3.2014).

 



Desiderata und Empfehlungen der beiden Forschergruppen



Im September 2013 meldete sich die Initiative
'Wir gegen Doping'
mit einem Brief an Thomas Bach zu Wort. 20 Athlet/innen forderten auf Basis der in der Studie formulierten Empfehlungen und Desiderata eine Neuorientierung im Anti-Doping-Kampf:

>>> Brief an Thomas Bach

>>> Aufgaben für den DOSB


>>> Antwort Thomas Bach

Beide Forschergruppen, legten am 17.4.2013 dem Sportausschuss ein gemeinsames Papier vor, in dem Sie ihre Ergebnisse kurz skizzierten und Empfehlungen gaben, wie diese wirkungsvoll in den Antidoping-Kampf zu integrieren seien und welche zukünftigen Anforderungen zu stellen sind, will man Doping begünstigenden Strukturen und Fehler der Vergangenheit ändern und vermeiden.

>>> Zusammenfassende Darstellung zum Projekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“, 17.4.2013



6.1 Empfehlungen und Desiderata des Berliner Teilprojekts (Berlin)

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Berliner Teilprojekts werden kurz gefasst die folgenden Empfehlungen formuliert:

 

(1) Chance auf Endkampfteilnahme: Die Chance auf Endkampfteilnahme bei internationalen Meisterschaften“ darf nicht „zum einzigen Kriterium“ der Entsendung erhoben werden; denn es hat sich sowohl für den individuellen Akteur als auch für die institutionellen Arrangements als ein stark wirksamer Dopinganlass erwiesen.

 

(2) Keine personelle Kontinuität in Dopinganalytik und -recht: Die Implementation von nachhaltiger Dopinganalytik und nachhaltigem Dopingrecht sollte nicht durch personelle Kontinuität dergestalt behindert werden, dass dort Personen agieren, die vor der Berufung im Sport engagiert waren oder Sport-Verbandsfunktionen eingenommen haben. Vor dem Hintergrund der in dem Gesamtprojekt rekonstruierten Dopinggeschichte in der Bundesrepublik ist die Besorgnis von Befangenheit zumindest nicht zurückweisbar. Um einen solchen Verdacht weder institutionell noch individuell aufkommen zu lassen, sollte eine strenge Teilung erfolgen, die so bisher nicht gewährleistet ist.

 

(3) Schaffung einer Institution für vertraulichen Kontakt mit Aktiven: Für Aktive oder ehemalige Aktive sollte eine Institution geschaffen werden, bei der sie ohne Angst vor Öffentlichkeit und vertraulich ihre Sorgen vortragen können. Die historischen Studien zeigen unübersehbar die Ängste, die dafür ursächlich waren, dass Dopinggegner bzw. -verweigerer keinen Ansprechpartner hatten oder sich öffneten, weil sie ihre Karriereängste kaum angemessen verarbeiten konnten.

 

(4) Abbau von Informationsdefiziten durch Information: In beiden vom Berliner Teilprojekt detailliert bearbeiteten historischen Phasen (Phase I und Phase II) gab es starke Informationsdefizite. Sie nahmen Aktiven die Chance, adäquat auf Druck, Zwang oder Nötigung zu reagieren bzw. vor dem Hintergrund der herausgearbeiteten „Verselbstständigung oder Totalisierung des Leistungsprinzips“ die Tragweite ihres Handelns einzuschätzen.

 

(5) Umgang mit Funktionsträgern, die gegen rechtliche wie berufsethische Regeln verstoßen: Beteiligte Funktionsträger haben sich zum Teil – ob aus Unwissen oder vorsätzlich – rechtlich wie berufsethisch falsch verhalten. Hier ist sind verbindliche Umgangsempfehlungen zu vereinbaren und entsprechend auszuformulieren.

 

(6) Arbeit mit Zielgruppen: Beispiele sind die Bildungsarbeit mit Zielgruppen wie Schülern oder Sportgruppen, denen die Forschungsergebnisse nahe gebracht werden. Es können auch Transfereffekte für ähnlich gelagerte Problemstellungen in Wissenschaft und Gesellschaft gefördert werden. Zu denken ist an dopingaffine Praktiken im Breitensport oder an das Neuro-Enhancement. Diese Anregungen sollten in der weiteren Diskussion um Doping im Sport Berücksichtigung finden.

 

(7) Dilemma-Situation von Ärzten und Mitarbeitern: Der im zusammenfassenden Bericht des Berliner Teilprojekts zitierte Zeitzeuge befand sich als zur Dopingmitwirkung genötigter Arzt in einer Situation, die sich aus seiner Sicht als Dilemma-Situation gegenüber seinem Vorgesetzten und dessen illegalem Psychopharmaka-Abusus gestaltete. In seinem Interview wies auf die fehlenden Normen gegen Doping sowie den drohenden Verlust des Arbeitsplatzes bei Widerständigkeit als Arzt hin. Dies kann für die zukünftige Anti-Doping-Politik (und gleichermaßen für zukünftige Anti-Enhancement-Maßnahmen) von großer Wichtigkeit sein. Im Anti-Doping-Kampf ist es unerlässlich, auch für solche Probleme Lösungen zu finden. Empfohlen wird die Entwicklung von Mechanismen, die sichern, zumindest jedoch helfen, beteiligten Gruppen, besonders Ärzten, Trainern, Funktionären, Apotheker, Physio- und Sporttherapeuten auf Problemsituationen dieser Art vorzubereiten.

 

(8) Dopingverbot durch ein Gesetz sichern: Dopingverbot durch ein Gesetz sowie die Berücksichtigung des Aspektes des Verstoßes gegen die „guten Sitten“ ist ein unerlässlicher, zeitnah zu implementierender Schritt. Die ausdifferenzierte Definition der Strafbarkeit des Athleten gehört hinzu.





Gerhard Treutlein, Stellungnahme für den Sportausschuss 2.9.2013:

14) Politik und organisierter Sport dürfen aus den formulierten Forschungsdesiderata der beiden aktuell vorliegenden BISp-Studien nicht ableiten, dass nun erst wieder weiter und anders geforscht werden muss, bevor gehandelt werden kann. Bitte wiederholen Sie nicht Versäumnisse – nicht wie bei den Veröffentlichungen von 1991 (Berendonk), 1995 (Bette/Schimank – sehr gutes Buch zur Dopingtheorie) oder 2000 (Singler/Treutlein – Nennung vieler Namen) – Aussitzen als Methode darf es nicht mehr geben.

 

6.2 Allgemeine Erkenntnisse und Folgerungen aus Münsteraner Sicht (Münster)

Aus Sicht der Münsteraner Teilprojekte lassen sich folgende praktische Schlussfolgerungen ableiten:

 

(1) Fragestellungen der künftigen Forschung: Für künftige Projekte zur Aufarbeitung des Dopings sollten Fragestellungen und politische Erwartungen klarer definiert werden.

 

(2) Quellen und Archive: Erstens sollte dringend Sorge dafür getragen werden, dass zumindest die großen Sportverbände ihr Archivgut systematisch pflegen und nach den Grundsätzen öffentlicher Archive für die Forschung zugänglich machen müssen. Dabei sollten sich die Sportverbände auf eine einheitliche Handhabung datenschutz- und haftungsrechtlicher Fragen verständigen, um Rechtssicherheit für die Forschung zu schaffen. Zweitens müsste sich der politisch bekundete Wille einer vorbehaltlosen Aufklärung der Dopinggeschichte in Deutschland auch auf die Offenlegung geheimdienstlicher Aktivitäten in diesem Feld beziehen. Stasi- und BND-Akten zur Dopinggeschichte in Ost- und Westdeutschland müssen in Zukunft zugänglich gemacht und untersucht werden.

 

(3) Öffentliche Thematisierung sportpolitischer Ziele: Aus Sicht des Forschungsprojektes ist nicht nur eine stärkere öffentliche Aufklärung über Doping, sondern eine öffentliche Thematisierung der sportpolitischen Ziele im Leistungssport und glaubwürdige Anti-Dopingbemühungen von Sportverbänden und Sportpolitik notwendig, um öffentliches Vertrauen zurückzugewinnen und eine langfristige Legitimationskrise des Spitzensports zu vermeiden. Angesichts der Misstrauensspirale, die die Sportverbände durch eigenes Fehlverhalten, Beschönigungen und Verschleierungen mit ausgelöst haben, wird dies allerdings ein mühsamer Weg sein.

 

(4) Politischer Wille zur Dopingbekämpfung: Das Forschungsprojekt stützt die Überlegung, dass ein glaubwürdiger politischer Wille zur Dopingbekämpfung notwendig ist, um die Sportverbände zu einer konsequenteren Anti-Dopingpolitik zu motivieren.

 

(5) Sportinterne Strukturen: Es hat sich gezeigt, dass die Verbände mit dem Anti-Dopingkampfe sowohl in rechtlicher als auch organisatorischer und finanzieller Hinsicht überfordert waren. Daher muss der Anti-Dopingkampf ausreichend finanziell und professionell ausgestattet werden.

 

(6) Ausräumung von Interessenskonflikten und Harmonisierung: Mit dem WADA-Prozess ist der Anti-Dopingkampf der ausschließlichen Zuständigkeit der Sportverbände entzogen worden. Damit wurde ein Teil der erheblichen Interessenskonflikte, die die Dopingbekämpfung behindert haben, ausgeräumt und zugleich ein wichtiger Schritt zur Harmonisierung der Regularien unternommen. Künftig ist eine Harmonisierung nicht nur im Hinblick auf Regularien, sondern auch im Hinblick auf die tatsächliche Umsetzung notwendig, um das Vertrauen in Chancengleichheit bei internationalen Wettbewerben aufrechtzuerhalten.

 

(7) Dopingfördernde Strukturen: Angesichts der Entkopplung im Reden und Handeln von Sportfunktionären und der erfolgreichen Verschleierung von problematischer Vorgänge ist für die künftige Anti-Dopingpolitik die Herstellung von Transparenz über Entscheidungswege und eine klare Definition von Verantwortlichkeiten notwendig.

 

(8) Proaktive Anti-Dopingpolitik: In der bundesdeutschen Anti-Dopingpolitik wurden viele Probleme relativ früh erkannt und wiederholt thematisiert, aber keine tatsächlichen Veränderungen vorgenommen. Die Anti-Dopingpolitik muss daher proaktiver vorgehen.

 

(9) Grenzen der Dopingkontrollen: Angesichts der umfangreichen und intensiven Überwachung von Spitzensportlern wird sich die Frage stellen, wie restriktiv die Anti-Doping Politik werden kann, ohne die moralische und rechtliche Grundlage bei Sportlern und auch in der gesamten Gesellschaft zu verlieren.

 

(10) Forschungsdesiderata: Weitere, thematisch abgegrenzte und spezifische Forschungen sind nötig, um das komplexe Thema Doping historisch, soziologisch und ethisch zu bearbeiten. Voraussetzung dafür ist aus historischer Sicht zunächst die Erschließung von einschlägigen, relevanten Aktenbeständen, die bisher nicht zugänglich waren. Darüber hinaus sind detaillierte historische Studien zu Dopingpraktiken und Anti-Dopingbemühungen in einzelnen Sportarten sowie ländervergleichende Studien nötig. Schließlich sollte die Geschichte der Sportmedizin im Lichte der Dopingthematik noch gründlicher studiert werden. Ebenso ist eine historische Untersuchung sportjournalistischer Verarbeitungs- und Selektionsroutinen notwendig, um den eklatanten Mangel an investigativem Dopingjournalismus zu untersuchen.

 

 



Wie geht es weiter?

DOSB und BISp hatten angekündigt über die Ergebnisse zu beraten und Entschlüsse zu fassen über den weiteren Umgang mit den Ergebnissen. Zudem wurde von verschiedenen Seiten gefordert den weitgehend unbearbeiteten Zeitabschnitt 1990 bis heute zu erforschen und hierzu einen neuen Forschungsauftrag zu erteilen.

 

Eine Kommission unter Leitung von Prof. Dr. Udo Steiner legte im Juni 2014 ihren Abschlussbericht zur Studie vor:

>>> DOSB-BERATUNGSKOMMISSION DOPING IN DEUTSCHLAND - ABSCHLUSSBERICHT

 

Auf der Tagesordnung des Sportausschusses vom 17.12.2014 war dieser Punkt ein Hauptthema:

Tagesordnungspunkt 2

a) Abschlussbericht DOSB-Beratungskommission zu „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“

b) Stand des Forschungsvorhabens zum dritten Teil der Studie

Bericht: Deutscher Olympischer Sportbund

Nationale Anti-Doping Agentur Deutschland

 

Über Ergebnisse ist mir nichts bekannt.

Dem Sportausschuss lag aber eine Stellungnahme aus dem BISp vor, wonach man für eine Weiterführung des Projektes sei, aber völlig andere Fragestellungen und Zielvorgaben einforderte.:

>>> Statement kleines Expertengespräch im BISp am 2. Oktober 2014



 

Maki, 2009-2014


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