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www.doping-archiv.de



Fußball und Doping - Football and doping



Doping-Affairen im britischen Fußball
- Football and doping: Doping-affaires in Greatbritain



1924/1925 lang, lang ist's her...



TheGuardian,Nigeria,4.5.2013:
Early in the 20th Century, specifically in 1924, then Arsenal Football Club of England manager, Leslie Knighton, played host to a prominent medical practitioner and Harley Street consultant, who ended up offering his team what he described as “courage pills”, which was to be used for an upcoming match against West Ham United.
Knighton, after being assured that the pills were very safe, accepted them and offered same to his wards. Shortly before the match kicked off, the boys swallowed their tablets but the match was postponed owing to heavy fog Upton Park.
The entire team became extremely energetic, restless and frightfully thirsty as they were shepherded back to their home ground at Highbury. The scenario repeated itself the following week when the boys swallowed the drugs yet again and the match was postponed the second time.
As revealed by Knighton in his 1948 memoir, when the London Derby FA Cup tie eventually held at the third attempt, the drugged up boys played a barren draw against the Hammers and thereafter rebelled against further drug use.
The story recorded in the section headed, “I Dope Arsenal for a Cup Tie”, gave the impression that even though the manager and his team did not feel they were cheating at that time, they preferred to remain silent and tended to see the silver pills as a variant of normal practice as doping was then viewed as another psychological or medical boost.

Ivan Waddinton und Andy Smith zitieren in ihrem Buch 'Drugs in Sport' (2009) Bernard Joy, der 1952 über zwei Spiele des English FA Cups zwischen Arsenal und West Ham United während der Saison 1924-25 erzählt. Danach erhielten die Spieler von Arsenal eine Stunde vor Spielbeginn pep-pills, die ihnen Energie und Ausdauer geben sollten. Zwei Spiele wurden dann aber wegen dichten Nebels abgesagt und die Spieler mussten mit ihrer zusätzlichen nutzlosen Energie zurecht kommen. In einem weiteren Spiel verhalf der Pillen-Kick den Arsenals zu einem Unentschieden, doch aufgrund des bitteren Geschmacks der Pillen, der noch in der Nacht fortbestand, verweigerten die Spieler im Rückspiel diese zusätzliche Unterstützung.



1937 Drüsenextrakte und Vitamine

Die Behandlung von Profifußballern der Teams aus Portsmouth und Wolverhampton mit intravenösen Spritzen eines Extraktes aus tierischen Drüsen (Hormone vom Affen) und Vitamin B1 löste 1939 in London heftige Debatten darüber aus, ob das denn Doping sei. Die Londoner Football Association sowie der britische Gesundheitsminister sahen jedoch keine Probleme, sie wurden unter Medikamente eingeordnet. Für den Minister galt that 'Treatment administered under the supervision of a medical man is not a matter for approval or disapproval by my Department (Hansard, 27 . April 1939, zitiert nach D. Malcolm in Waddington/Smith)

Vorteile sollten eine bessere Vitalität, eine schnellere Koordination von Muskeln und Gehirn, eine Stimulation des Zentralnervensystems sein. Die Behandlung der Fußballer erstreckte sich über sechs Wochen mit jeweils zwei Spritzen pro Woche, anschließend genügte eine Spritze in 7 Tagen. Die Behandlung fand offenbar großen Anklang, noch Jahre später soll sie auch in anderen Clubs von Ärzten angewandt worden sein. (De Mondenard, Dictionnaire, S. 347)

(Das Experimentieren mit tierischen Zellen im Sport, insbesondere Hormonen, hat eine lange Tradition in der Geschichte der Leistungssteigerung und ist auch heute noch nicht abgeschlossen (Niehans-Therapie, Kälberblutextrakte usw.), s. John Hobermann, Sterbliche Maschinen).

 



1946 Stanley Matthews und Amphetamine

Fußballer Stanley Matthews berichtet in seiner Autobiografie (erschienen 2000) über seinen Aphmetaminmissbrauch. Aufgrund einer Grippe fühlte er sich nicht fit. Daher wollte er im Spiel gegen Sheffield United nicht antreten. Sein Manager ließ ihm aber ein Medikament verschreiben, mit dessen Hilfe er die 90 Minuten überstehen sollte. Er erhielt 'some sort of pep-pills', die Matthews Meinung nach heute illegal seien. Er stand das Spiel durch, war aber die folgende Nacht über hyperaktiv. Er putze die Wohnung, trainierte, ging laufen und machte noch einiges mehr. Alles deutet daraufhin, dass es sich um Amphetamine gehandelt hatte. Als etwas Verbotenes wurde diese Gabe allerdings nicht angesehen. (Dominic Malcolm in Waddington/Smith, S. 156f)

 



1950er und 1960er Jahre

In einer BBC-Radio Sendung 2004 berichteten die früheren Spieler von United Manchester Albert Scanlon und Harry Gregg, dass sie in den 1950er Jahren regelmäßig Amphetamine eingenommen hatten. Trevor Ford, Spieler bei Aston Villa und Wales, spricht in seiner Autobiografie, die 1957 erschienen ist, vom verbreiteten Griff nach Substanzen, von denen angenommen wurde, sie seien leistungssteigernd. In die Betrugsecke soll Ford das Doping aber laut Malcolm nicht gestellt haben. (D. Malcolm in Waddington/Smith *)

 

Eine entsprechende Diskussion entstand Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, in England aber vor allem auch im Festland-Europa. Dabei ging es erst einmal um die Frage wie Doping definieren? Zumal es nur eingeschränkte Möglichkeiten der Kontrolle gab bzw. die organisatorischen Voraussetzungen weitgehend fehlten. Sollte Doping auf gesundheitliche Gefahren hin beschränkt werden oder müssten auch sportethische Gesichtspunkte in die Definition einfließen?





Die Zeit, 3.4.1964:
Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele hat Sir Adolphe Abrahams, der Vorsitzende der britischen Vereinigung für Sportmedizin, kategorisch erklärt, daß es im englischen Sport kein Doping-Problem gäbe und daß „daher nicht der geringste Anlaß zu irgendeinem Vorgehen bestehe“. Im Gegensatz zu dieser optimistischen Erklärung steht die Ansicht von Dr. John Williams, der englischer Vertreter im Doping-Ausschuß des Europarates ist. Er hatte vor Weihnachten auf einer Pressekonferenz in Spanien erklärt, daß Doping im englischen Fußball nicht unbekannt sei. Später informierte er die „Football Association“, daß „ihm eine qualitativ bedeutsame Anzahl von Spielern mitgeteilt hätte, daß sie Doping-Mittel nehmen“. Dr. Williams versteht unter „Doping“ jene Definition, die der Europarat inzwischen angenommen hat, die sich freilich etwas vage liest, aber doch ziemlich deutlich ausgelegt werden kann. Die „Football Association“ antwortete, daß es tatsächlich Doping gäbe, wenn man diese Definition akzeptieren würde. Sie wäre aber unannehmbar, da sie die Verwendung von Sauerstoff, Glukose und Koffein-Tabletten einschließe.
...................................................

Diese Fragen wurden breit diskutiert. Nicht nur Sportler und Mediziner fühlten sich angesprochen. Das Problem gelangte bis in die politischen Gremien. So wurde auf der Ebene des Europarates 1963 eine Expertenkommission gebildet, der neben Vertretern von 10 Mitgliedsländern (auch von West- und Ostdeutschland) Mediziner, Journalisten, Juristen, Sportverbände und Leistungssportler angehörten. Die gefundene Dopingdefinition wurde in Folge auf internationalen Kongressen abgerundet und (weltweit?) bestätigt.

 

Im Zuge dieser Europarat-Initiative fanden in verschiedenen Ländern (welchen?) Untersuchungen statt. Für Großbritannien wurde laut Malcolm festgestellt, dass der Fußball neben dem Radsport und der Leichtathletik Dopingprobleme hätten.



Michael Gabbert, britischer Journalist, der durch Recherchen mithalf verbreitetes Doping im englischenTeam Everton offen zu legen, schrieb:

"Everton have long been one of the top clubs in the English association football league. The club were champions of the 1962-63 season. And it was done, according to a national newspaper investigation, with the help of Benzedrine. Word spread after Everton's win that the drug had been involved. The newspaper investigated, cited where the reporter believed it had come from, and quoted the goalkeeper, Albert Dunlop, as saying:

"I cannot remember how they first came to be offered to us. But they were distributed in the dressing rooms. We didn't have to take them but most of the players did. The tablets were mostly white but once or twice they were yellow. They were used through the 1961-62 season and the championship season which followed it. Drug-taking had previously been virtually unnamed in the club. But once it had started we could have as many tablets as we liked. On match days they were handed out to most players as a matter of course. Soon some of the players could not do without the drugs. Now in Professional sports only 34% of the Athletes use Performance enhancing drugs." [Gabbert, Michael: How we uncovered the Everton drug scandal, "The People", UK, 13 September 1964]

The club agreed that drugs had been used but that they "could not possibly have had any harmful effect." Dunlop, however, said he had become an addict." (Doping in sport)

 

Irgendwelche Sanktionen oder sonstige Reaktionen auf diese Aussagen gabe allerdings nicht.

 

1967 erklärte Professor Arnold Beckett, 1965 verantwortlich für die ersten Dopingkontrollen bei einem großen Wettkampf auf der Insel, der Tour of Britain (Radsport), und Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC: "Wir wissen, dass das Doping im Fußball weiter geht" und er untertsellte den Verantwortlichen in Bezug auf das Doping-Verhalten Selbstgefälligkeit (smug attitude) (Malcolm, S. 159).

 



1978 William Johnston



Dopingfälle in britischen Fußballteams:
1978 William Johnston
2002 Mark Bosnich, Chelsea
2002/2004 Billy Turley, Rushden and Diamonds
2003 Rio Ferdinand, Manchester United
2004 Adrian Mutu, Chelsea
2005 Abel Xavier, Middlesborough
2006 Shaun Newton, West Ham United
2006 Chris Cornes, Wolverhampton Wanderers
2005 Abel Xavier, Middlesborough

8.1994 - 7.1995:
"13 Fußballspieler sind von den Kontrolleuren des Britischen Sportrats ... des Dopings überführt worden. Das ist die höchste Zahl positiver Tests in einer einzigen Sportart innerhalb eines Jahres. Der englische Fußballverband behauptet dennoch, daß die Drogenprobleme im Sport nicht größer seien als allgemein in der Gesellschaft."
(die Welt, 1.8.1995)

1988 - 2001/2:
89 positive Tests (einschl. Wales und Schottland:
40 Fälle mit Kokain und Metaboliten,
29 Fälle mit Marihuana,
20 Fälle mit Pseudoephedrin



Im August 2011 schreibt der ehemalige britische Nationalspieler
Gary Neville in seinem Buch 'Red', dass 1998 Spieler des Nationalteams vor dem WM-Spiel gegen Argentinien Spritzen erhielten, die erstaunliche Wirkungen entfalteten:
"When the 1998 World Cup started, some of the players started taking injections from Glenn’s favourite medic, a Frenchman called Dr Rougier. It was different from anything we’d done at United, but all above board, I’m sure. After some of the lads said they’d felt a real burst of energy."
(mail online, 21.8.2011).

William Johnston war der zweite offizielle Dopingfall im internationalen Fußball: Im Juni 1978 wurde der Schotte wegen Dopings von seinem Verband von der weiteren Teilnahme an der WM und auf Lebenszeit aus der Schottischen Nationalelf ausgeschlossen und damit war er der erste, der eine offizielle Sanktion erhielt. Ihm wurde das Mittel Fencamfamin, ein Amphetamin, nachgewiesen. (Der erste offizielle Dopingfall war Ernest Jean Joseph aus Haiti, der 1974 bei der WM in Deutschland wegen Dopings lediglich suspendiert wurde). Zu Johnston schreibt die SZ:

"Dr. Gottfried Schönholzer, der Vorsitzende der FIFA Ärzte-Kommission, äußerte: "Nach meiner Kenntnis wird das in Johnstons Urin bei beiden Tests gefundene Fencamfamin als Stimulanz verwendet. Nur ganz geringe Substanzen haben eine medizinische Wirkung wie beispielsweise ein Nasenspray." Wie Schönholzer urteilt auch der Mannschaftsarzt des deutschen Teams, Professor Dr. Heinrich Heß: "Fencamfamin hat nur eine ganz geringe medizinische Wirkung. Es zählt zu den schwersten Drogen. Die deutschen Kampfflieger haben es im Zweiten Weltkrieg benutzt, um wach zu bleiben. Es ist in dem Präparat 'Hallo Wach' enthalten. Auch Bergsteiger benutzen es."

Johnston: "Ich nehme die Pillen nur, wenn ich mich schlecht fühle. Andere Spieler in Großbritannien nehmen sie regelmäßig." "Englische Journalisten, die das Geschehen in der Liga seit Jahren verfolgen, fühlen sich durch den Dopingsünder Johnston bestätigt: Die Spieler des Klubs [West Bromwich Albion] werden schon seit Jahr und Tag durch Drogen aufgeputscht, behaupten sie." (Süddeutsche Zeitung, 7.6.1978)

 

Unterstützung erhielt Johnston durch Stan Bowles, Spieler der Queens Park Rangers, der erklärte, dass er Stimulanzien und Beruhigungsmittel nähme ebenso wie viele andere Profispieler. (A. Noret, 1990, nach de Mondenard in Les Dopés du Foot, 2012, 2012, S. 200)

 



2003 Rio Ferdinand

Am 23. September 2003 erscheint ein Dopingkontrollteam von UK Sport bei Manchester United um bei vier Spielern eine unangekündigte Trainingskontrolle durchzuführen. Den Spielern wird das Duschen erlaubt, bevor sie eine Urinprobe abgeben. Doch Ferdinand verschwindet in Richtung Stadt um Einkaufen zu gehen, eine Urinprobe gibt er nicht ab. Angeblich hatte er die Kontrolle vergessen. Ein nachgereichter Test am nächsten Tag wird nicht anerkannt. Anfang Oktober wird er für das Spiel gegen die Türkei aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen.

Der Fall wird im Hintergrund kontrovers diskutiert und führt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Verbänden, dem Team und Ferdinand. Am 19. Dezember erhält der Spieler eine Sperre von acht Monaten und eine Geldbuße über £50,000. Seinem Einspruch wird im März 2004 nicht stattgegeben (BBC, 18.9.2004, BBC, 7.10.2003).

International bekam dieser Fall Gewicht, da zu dieser Zeit der Konflikt FIFA - WADA für Schlagzeilen sorgte. Die FIFA weigerte sich vehement den WADA-Code zu unterzeichnen, nicht zuletzt mit dem Argument, im Fußball werde nicht gedopt. Für Sepp Blatter kam daher das Verhalten Ferdinands überaus ungelegen und so gab er im ersten Ärger zu, Fußball habe doch ein Dopingproblem - eine Einschätzung, die allerdings nicht lange aufrecht erhalten wurde: "FIFA president Sepp Blatter exploded in anger at a news conference on Thursday, admitting for the first time that soccer does have a doping problem and that the sport needed to re-define its image if it was to maintain its global popularity. ... In a wide-ranging attack, he said that soccer had a problem with doping and was especially critical of the English Football Association for the way they have handled the Rio Ferdinand doping case. ... "The situation has changed on doping. I was wrong saying there was no problem with doping. "I thought our game was clean. It is not clean. There is now a suspicion surrounding football. I have never seen, in a doping control someone not declare their innocence. Gentlemen, let's get serious."" (rediff.com, 5.12.2003)

 



2005 Studie Waddington et al.: Drug use in english professional football

Ivan Waddington, Dominic Malcolm, M. Roderick und R. Naik veröffentlichten 2005 eine Studie, die sie mit Hilfe und Unterstützung der English Professional Footballer's Association (PFA) durchgeführt haben.

Ihre Zusammenfassung kann >>> hier nachgelesen werden.

 

Die folgende Zusammenfassung wurde dem Kapitel von Malcolm in Waddington/Smith * entnommen, in dem diese Studie ebenfalls vorgestellt und kommentiert wird.

Von 2863 angeschriebenen Mitgliedern der PFA haben 706 (etwas weniger als 25%) den Fragebogen beantwortet zurück geschickt. Davon waren 94% aktuell in Profiverträgen eingebunden. Die Spieler verteilten sich auf die drei nationalen Ligen. Gefragt wurde nicht nach persönlichem Doping, sondern nach der allgemeinen Einschätzung inwieweit Doping im Fußball verbreitet sei und ob sie Spieler kennen, die Drogen/Medikamente nähmen.

 

Die Hälfte der Spieler meinte, es gäbe keinen Dopingmittelmissbrauch (Mittel zur Leistungssteigerung) im Fußball; ein Drittel gab an, es gäbe ihn bei gewissen Spielern, aber die Mehrheit sei sauber; 23 % schätzten, dass der Missbrauch bei unter 2 % der Spieler läge; 8 % nahmen 3-5 % an und weniger als 1 % der Befragten sprachen von 10 bis mehr %. Nur 6 Prozent (39 Spieler) gaben an, persönlich Spieler zu kennen, die sich dopten.

 

Anders sah das Ergebnis bei den Fragen zu dem Griff nach Partydrogen aus. 71 % gaben an, dass diese Drogen von 3 bis 10 % und mehr aller Spieler konsumiert würden. Fast die Hälfte meinte solche Spieler zu kennen.

 

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wurde von 58% der Antwortenden eingestanden. Häufig wurden diese empfohlen von Physiotherapeuten, Trainern usw..

 

Die Forscher schlossen aus den Ergebnissen, dass es durchaus Doping mit leistungssteigernden Substanzen im englischen Fußball gibt. Für systematisches Doping in den Teams gäbe es allerdings keine Anzeichen. Club-Offizielle wüssten wahrscheinlich von dem vereinzelten Doping ihrer Spieler nichts. Es gäbe wahrscheinlich auch kein komplexes Dopingnetzwerk wie etwas im Radsport oder in anderen kontinentaleuropäischen Fußballclubs.

 

Bezogen auf die Partydrogen gibt es Relationen zu deren hohem Konsum in der Normalbevölkerung. Erstaunlich niedrig fanden die Autoren den gefundenen Prozentsatz der Spieler, die zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen, dieser läge weit unter vergleichbaren Erkenntnissen aus anderen Sportarten.

 





"As we noted ... the increased use of performance-enhancing drugs in sport is the product of the conjuncture of two broader social processes: the increasing competitiveness of sport, which has been associated with its de-amateurization, politicization and commercialization, and the medicalization of social life in general and of sport in particular."
(D. Malcolm in Waddington/Smith, S. 170)

Die Forscher stellen in Bezug auf die Ergebnisse dieser Studie drei Fragen:

a) Wie sind die Differenzen zu beurteilen, die sich aus den britischen Ergebnissen und Erkenntnissen zu anderen europäischen Ländern ergeben?

b) Wie effektiv ist das britische Doping-Kontrollsystem im Fußball?

c) Warum scheint der Dopingmissbrauch im Fußball um so vieles geringer zu sein, als in vielen anderen Sportarten?

 

a) Vergleich britischer Fußball mit Festland-Fußball (insbesondere Italien)

Auffallend sei, dass in England trotz des hohen Grades an Professionalisierung Fußball wesentlich weniger medikalisiert (medizinisch betreut) sei als in anderen europäischen Ländern. So haben nur eine Handvoll Clubs Vollzeit-Mediziner angestellt, deren Vergütung zudem gering sei. Die meisten arbeiten noch als niedergelassene Ärzte, seien keine Sportmediziner. Die Ärzte besuchen die Clubs höchstens ein bis zwei Mal in der Woche und fehlen bei Trainingsaufenthalten. In den unteren Ligen gehen sie noch nicht einmal in die Clubs. Die medizinische Verantwortung liegt eher bei den Physiotherapeuten. Insgesamt stellen die Clubs nur geringe finanzielle Mittel für die medizinische Betreuung ihrer Spieler bereit.

Diese geringe Wertschätzung der Sportmedizin steht in scharfem Kontrast zu der Praxis in anderen Ländern insbesondere Italien. So gesehen, scheint es einen Zusammenhang zu geben zwischen dem Einfluss von Sportmedizin und Dopingpraxis. Vor dem Hintergrund der Internationalisierung des Europäischen und Welt-Fußballs ergibt sich daraus den Autoren die Vermutung oder die Gefahr, dass der englische Fußball eine Entwicklung entsprechend den anderen Nationen nimmt.

 

Im September 2011 kritisiert Waddington auf dem Freiburger Symposium "Sportmedizin und Doping in Europa" scharf die weltweit in den Profiligen verbreitete Praxis Vereinsärzte eng an die Klubs zu binden. Explizit nennt er diesbezüglich auch den englischen Profifußball als Beispiel. Dabei handle es sich vor allem um eine enge emotionale Bindung, durch die den Ärzten signalisiert werde, sie müssten stolz sein, diesem Club anzugehören. Der auf ihnen lastende Druck, nicht nach rein medizinischen Kritierien zu entscheiden, werde so noch erhöht.

 





Der ehemalige Manager Ron Atkinson von Aston Villa schreibt 1998 in seiner Autobiografie:
"Ich weiß aus meiner Zeit bei Villa [1991-1994], dass Fußballer des höchsten beruflichen Levels Drogen nehmen. Mittels eines Tests, den ich zusammen mit den Physiotherapeuten des Clubs arrangierte. Der Test war eher zufällig angelegt, wenn auch mit klar kalkuliertem Motiv. Die Ergebnisse bestätigten meinen Verdacht. Physiotherapeut Jim Walker und ich sagten den Jungs des ersten Teams, dass sie sich einem Bluttest zu unterziehen hätten ... die Ergebnisse bräuchte der Club für medizinische Routine-Protokolle. Als die Ergebnisse vorlagen, stellten wir fest, dass mindestens zwei Villa-Stars der damaligen Zeit eine illegale Substanz (Cannabis) genommen hatten."

b) Dopingkontrollen in Großbritannien

Von offizieller Seite wird häufig betont, in keiner Sportart sei die Testrate so hoch wie im Fußball. Dies trifft (hier bezogen auf England) lediglich auf die absolute Zahl der Kontrollen zu, bezogen auf die Zahl der Sportler ergibt sich aber nur eine sehr geringe Kontrolldichte, geringer als in anderen Sportarten. Die Mehrheit der Spieler braucht keine einzige Kontrolle im Jahr zu befürchten. Zudem gibt es Anzeichen, wonach Kontrollabläufe sehr lax gehandhabt werden. (Dopingfall Rio Ferdinand 2003) So hätten die Spieler häufig ohne Begleitung ihren Urin abgeben können bzw. die Kontrolleure hätten nicht unabhängig handeln können, wodurch Möglichkeiten zur Manipulationen von Proben eröffnet wurden. (2011 wird bekannt, dass der englische Fußballverband sich nicht an die von der WADA vorgeschriebenen where abouts/testpool-Regelungen hält: The Telegraph, 14.9.2011)

Kritisch zu hinterfragen seien auch geheime clubinterne Kontrollprogramme, die angeblich, Gerüchten zufolge, ähnlich wie einige Clubs in Italien, von fast allen englischen 'Top-Clubs' eingeführt worden seien. Mit diesen Tests können mögliche Dopingfälle früh ausgeschlossen werden.

Aufgrund solcher interner Dopingkontrollprogramme wurden die Clubs Arsenal (2005?) und Chelsea (2003?) von der Football Association (FA) nach Berichten des Guardian (2005) und des Observers (2003) sanktioniert.

(Die Autoren betonen, dass dieses Problem sich international stellt, so wie es die stetige Auseinandersetzung mit der WADA und der FIFA zeigen.)

 



c) Verhältnis Doping zu anderen Sportarten

Die Autoren machen zu diesem Punkt keine speziellen Ausführungen über den britischen Fußball. Die allgemeine Aussagen betreffen aber auch diesen. Sie halten fest, wenn im Fußball weniger gedopt wird als in anderen Sportarten (wie Radsport, Leichtathletik und Kraftsportarten) könnte das auf den notwendigen hohen Bedarf an Geschicklichkeit im Spiel zurück zu führen sein, so wie es immer wieder von Fußball-Funktionären behauptet wird.

Dieser Annahme stehen die sich wandelnden Anforderungen, vor allen in den Topp-Ligen gegenüber, wonach die Spieler während einer Saison immer mehr Spiele zu absolvieren haben und ihnen damit immer weniger Ruhezeiten bleiben. Diese Entwicklung legt zunehmend die Vermutung nahe, dass die Fußballer nach Mitteln suchen, die die Belastung erträglicher machen. Zudem werden die Anforderungen an Kraft und Ausdauer ebenfalls immer höher. Damit dürfte auch der Griff nach Nahrungsergänzungsmitteln weiter steigen. International belegt ist z. B. der hohe Konsum von Kreatin, eine Substanz, die nicht wenige gerne als Dopingmittel notiert hätten. Und dass die Bandbreite der eingesetztem Medikamente seit Langem riesig ist, belegt u.a. der italienische Prozess gegen Juventus Turin.

 

 

* Ivan Waddington(Andy Smith, Am Introduction to Drugs in Sport, 2009

 



Partydrogenkonsum im britischen Fußball

Im September 2011 berichtete der britische TV-Sender Channel 4 über verbreiteten Konsum von Kokain, Cannabis und Amphetaminen wie Ecstacy im britischen Profifußball. Auch Alkoholabhängigkeit ist seit vielen Jahren ein weit verbreitetes Problem in der Liga. Der Fußballverband würde zwar Spieler sanktionieren, die auf Partydrogen positiv getestet wurden, doch deren Namen seien vertraulich zu behandeln, zumal diese Drogen im Training nicht auf der WADA-Verbotsliste stünden (mail online, 12.9.2011, Süddeutsche Zeitung, 14.9.2011)

 



2016 Dr. Mark Bonar

Anfang April 2016 sorgten Berichte über den Britischen Arzt >>> Dr. Mark Bonar für große Aufregung. 150 teils prominente britische und ausländische Sportler sollen nach Recherchen der Sunday Times und der WDR-Sport/Dopingredaktion von dem Arzt mit Dopingmitteln wie EPO, Anabolika, insbesondere Testosteron und Wachstumshormonen behandelt worden sein - aus rein medizinischen Gründen.

The Sunday Times: British doctor claims he doped 150 sports stars , 3.4.2016

>>> Zitate aus dem Sunday Times-Artikel

sportschau.de: Lassen sich auch Top-Fußballer dopen?, 3.4.2016

sportschau.de: Auch Premier-League-Spieler unter Dopingverdacht, 3.4.2016

 

Unter den 150 teils prominenten Athleten sollen sich auch Fußballer aus den drei Premier-League-Klubs FC Arsenal, FC Chelsea und Leicester City sowie Zweitligist Birmingham City befinden. Die Kontakte zu Bonar soll ein ehemaliger Fitnesstrainer vom FC Chelsea hergestellt haben.

Aber auch (zumindest ein) Fußballer aus Deutschland und Südeuropa seien betroffen (DLF, 10.4.2016).

Dementis aus England folgten sofort:

Die drei Premier-League-Klubs widersprachen am Sonntag (03. 04.2016) in ihren Stellungnahmen vehement den Darstellungen.

Die Dopingvorwürfe seien falsch. Der FC Arsenal teilte mit, dass der Klub "extrem enttäuscht" über die Veröffentlichung sei. Die Vorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage. Chelsea erklärte, dass der Klub "niemals die Dienste von Dr. Bonar in Anspruch genommen hat" und keine Kenntnis habe, dass ein Profi der "Blues" von diesem betreut oder behandelt wurde. Leicester wies die Anschuldigungen ebenfalls zurück und erklärte, dass es keine Beweise gebe.

Die Regierung ordnete eine Untersuchung an (BBC, 3.4.2016), die WADA begrüßte dies, sah sich aber selbst nicht in der Lage etwas zu unternehmen, da der Arzt außerhalb sportlicher Institutionen agierte (WADA, 4.4.2016).

Der Untersuchungsbericht wurde am 1.6.2016 vorgelegt, bezieht sich jedoch lediglich auf das Verhalten der Britischen Anti-Doping-Agentur UKAD und damit auf die Fehler die sie begangen hatte, indem sie Hinweise ignorierte.

 

Um Dr. Bonar und die des Dopings beschuldigten Athleten*innen und Clubs wurde es still. Die große Aufregung verpuffte.

Hajo Seppelt, der mit der Sunday Times die Recherchen zu Dr. Bonar unternommen hat, erklärte auf die Frage, warum es ruhig um die Affaire wurde:

Weil dabei nichts weiter herausgekommen ist. Die weiteren Recherchen waren leider nicht erfolgreich. Entsprechend konnte das Thema nicht forciert werden. Die Informanten konnten oder wollten nicht über das hinausgehen, was sie bereits für uns getan hatten. Aber es ist schon etwas im Nachgang passiert: Der Mensch, der bei der britischen Antidoping-Agentur arbeitete und die ursprünglich ihm vom Whistleblower gelieferten Informationen zu dem Arzt als nicht relevant genug bewertet hatte, ist gefeuert worden, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Und Dr. Bonar hat natürlich ernsthafte Probleme mit der englischen Ärztekammer bekommen. Es ist nicht so, dass alles verhallt ist, es ist nur nicht über alles in Deutschland berichtet worden. (speed-ville.de, 25.10.2016)



Journalist Thomas Kistner stellte bezogen auf die Vorwürfe gegen den Fußball die Frage, warum nach den Anschuldigungen keine Verleumdungsklagen seitens der der Betroffenen, insbesondere seitens der Fußballclubs erfolgten. Für ihn ist klar, dass aufgrund der 'absolut erdrückend' erscheinenden Beweislage niemand ein Gerichtsverfahren riskieren wollte, zu groß sei die Gefahr, dass dann sie Mär vom sauberen Fußball zerplatzen könnte. (spox.com, 29.12.2016)

 



jüngere Dopingfälle

Großbritannien:

2017: Jamie Insall wurde für 2 Jahre gesperrt aufgrund eines positiven Tests auf Kokain am 11.3.2017.

UKAD, 25.10.2017

 

2017: Darren McCormack, ehemals Brechin City, wurde für 4 Jahre gesperrt wegen einer positiven Kontrolle am 8.4.2017 auf Metandienon.

UKAD, 23.10.2017

 

2017: Phil Jones, Daley Blind und ihr Club Manchester United wurden mit Strafen belegt wegen Verzögerung einer Dopingkontrolle.

ran, 1.8.2017, the guardian, 31.7.2017

 

2017: Manchester United, Fleetwood Town und Bournemouth wurden von der englischen Football Association (FA) zu Geldstrafen wegen mangelhafter Whereabout-Meldungen verurteilt.

FA, 11.1.2017

FA, 1.2.2017

FA, 17.2.2017

 

2016: Saido Berahino, West Brom, wurde in einer Trainingskontrolle positiv auf eine Partydroge getestet und für 8 Wochen gesperrt.

dailymail.co.uk: 2.2.2017

2016: Der französische Nationalspieler Mamadou Sakho, Liverpool FC, wurde auf ein Gewicht reduzierendes Mittel positiv getestet aber frei gesprochen.

the guardian, 28.5.2016, sid, 8.7.2016, sportsintegrityinitiative.com, 9.12.2016

 

2015: 9 Fußballer wurden 2014 (5 Fälle) und 2015 (4 Fälle) bislang auf Partydrogen (Kokain) positiv getestet.

Mail online, 15.8.2015

2015: Jordan McMillan wurde 2014 positiv auf Kokain getestet und im August 2015 nachträglich für 2 jahre gesperrt. Die Sperre wurde im August 2016 um einen Monat reduziert.

sid, 14.9.2015, UKAD, 16.8.2016

2015: Jose Baxter, Sheffield United, und Jake Livermore, Hull City, wurden positiv auf Kokain getestet und vorläufig supendiert.

goal.com, 16.5.2015

 

2013: Gerard Kinsella, Fleetwood Town, wurde wegen Dopings mit Nandrolon für 2 Jahre bis Februar 2015 gesperrt.

guardian: Fleetwood Town's Gerard Kinsella banned for two years for taking steroids, 25.6.2013

 

2010-2012: Im britischen Fußball wurden positive Tests von Partydrogen festgestellt, doch nicht veröffentlicht. Laut WADA-Code werden entsprechende positive Tests nur in Wettkämpfen sanktioniert. Die FA testet und sanktioniert auf eigene Regie auch außerhalb der Wettkämpfe, da sie eine soziale Bedeutung sieht. Sie ging angeblich davon aus, dass UKAD die Fälle bekannt gibt, doch die Agentur hatte grundsätzlich beschlossen, keine Fälle mit diesen Drogen mehr zu veröffentlichen.

dailymail.co.uk: Scandal of top footballers' failed drug tests which are kept secret from fans, 8.9.2012

 

2011: Jerme Murdoch (Jerome Murdock), Coalville Town, wurde wegen Cannibis-Konsums für 5 Monate vom 23.5. bis 23.10.2011 gesperrt. Zusätzlich erhielt er noch zweimal 3 Monate Sperre - 23.5.2012 - für einen Verstoß gegen Dopingregeln und ungebührlichen Verhaltens.

UKAD - Rule violations, TheFA.com, 5.10.2011

2011: Kolo Touré, Manchester City, wurde für 6 Monate gesperrt, er habe eine 'spezifische Substanz', eine Diuretikum seiner Frau zum Abnehmen, genommen, dies sei kein absichtliches Doping gewesen. Sein Club verhängte eine zusätzliche Strafe über 6 Monatsgehälter.

BBC, 25.5.2011, sid, 8.11.2011

2011: Simon Mensing (Scottish Football Association), wurde für 4 Wochen wegen Methylhexaneamin vom 29.1. - 26.2.2011 gesperrt.

UKAD

 

2009: 2 Spieler wurden aufgrund von Stimulanzien, einmal Benzoylecgonin, einmal Cannbis, für je zwei Monate gesperrt, ein weiterer Spieler erhielt 3 Monate Sperre wegen Kokain-Missbrauchs.

 

2008: 8 Spieler wurden wegen Benzoylecgonin bzw. Cannabis gesperrt, einer für 3, zwei für 4, zwei für 5 Monate, einer für 6 Monate und zwei erhielten eine Verwarnung. Gerard Smith erhielt eine Sperre über 4 Monate wegen Cannbis.

Weitere Fälle für die Jahre zuvor sind vorhanden: UKAD



die einzelnen Themenseiten des Dossiers:

Dossier: Fußball und Doping
Fußball doping-news
Fußball und Doping: Deutschland (BRD)
Fußball und Doping: Deutschland (DDR)
Fußball und Doping: Großbritannien
Fußball und Doping: Frankreich
Fußball und Doping: Italien
Fußball und Doping: Russland
Italien: de Mondenard: ALS
Fußball und Doping: Spanien - Operacion puerto
Fußball und Doping: Mittel- / Südamerika
Fußball und Doping: der Fall Ronaldo
Fußball und Doping: Dopingfälle
Fußball und Doping: Lesestoff


 

Monika, Juni 2010


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