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Rund um historische Fahrräder



Hercules „Cavallo“ – das Reitrad

Text und Fotos von Michael Faiß, November 2010



„Eh, Alter, klasse Maschine“, „Megageil“ und „Bruuaa, fett“! Das waren die ersten Kommentare der Generation 10+, die ich gehört habe, als ich die neueste Errungenschaft für mein Fahrrad-Museum zur Probe gefahren bin. „Wo kann man so was kaufen?“ war die nächste Frage. Fast hätte ich gesagt, es sei „selbst gebastelt“, aber auf dem roten Fahrrad stand der Name des Herstellers: Hercules (Nürnberg). Und „Cavallo“ stand da. Cavallo ist italienisch und heißt Pferd. Genauso ist es: Das Cavallo ist ein Reitrad. Ich kann mich noch gut erinnern, wie 1978 im aktuellen Sportstudio des ZDF ein gewisser Herr Bals mit einem ähnlichen Rad auf die Bühne „geritten“ kam, ein paar Mal im Kreis umherwippte und dann vor Hanns Joachim Friedrichs zum Stehen kam.

 




Das Hercules „Cavallo“



Hans Günter Bals beschrieb die Vorzüge dieser neuen Bewegungsabläufe am Fahrrad, die medizinischen Annehmlichkeiten und die Trimm-dich-Fit-Effekte des neuen Sportgeräts. Bals ist neben Paul Jaray der zweite mir bekannte Flugzeugkonstrukteur, der sich Gedanken über alternative Fahrradantriebstechniken machte und diese auch umsetzte. Jaray war angestellt bei „Zeppelin“ in Friedrichshafen und Erfinder des J-Rades in den 1920-er Jahren. (Sesselrad mit Trethebelantrieb von Paul Jaray)

 




Sind wir nicht schön? Hercules „Cavallo“ und Padda, eine Isländerin, genau die mit dem besonderen Tritt.



Das „Cavallo“ blieb auf der Strecke

Damals, als aktiver Radballspieler und begeisterter Sportstudiogucker, war ich eher skeptisch – aber dennoch fasziniert von diesem neuen Fun-Bike. Als Fun-Bike bezeichnete man in den 1970-er Jahren Modelle wie Klapp-Räder, Bonanza-Räder, BMX’ oder auch Mountain-Bikes, die in jenen Jahren ihren Ursprung hatten. Der Absatz an Fahrrädern war fast zusammengebrochen, so dass sich die Hersteller etwas überlegen mussten, um zu überleben.

 

So sahen es auch die Macher der Firma Hercules und kauften sich die Lizenzrechte zur Herstellung des Typs „Cavallo“. Die erhofften Verkaufszahlen kamen aber nicht zu Stande. Die abgespeckte und umkonstruierte Version von Hercules war nicht leicht zu fahren und viel zu teuer. Nachdem die Firma Hercules in zwei Jahren nur etwa 500 Cavallo-Räder verkauft hatte, fiel die Lizenzberechtigung wieder an den Erfinder Bals zurück. Dieser überarbeitete danach verschiedene Modelle. Man kann sich heute ein teils handgefertigtes „Swingbike“ des mittlerweile 80-jährigen Hans Günter Bals kaufen, mit dem man tatsächlich richtig fahren kann. Zielstrebiges Weiterentwickeln machte aus einer Idee ein Lebenswerk. Gratulation! (swingbike.de)

 

Ein solches Hercules „Cavallo“ stand Ende der 1970-er Jahre im Deutschen Zweirad- und NSU-Museum in Neckarsulm neben einem historischen Hochrad auf einem Rollengestell. Man konnte sich daraufsetzen und losfahren.

 

Ein 12-jähriger Tübinger Schüler, der mit seiner Klasse das Museum besuchte, setzte sich auch darauf – und es war um ihn geschehen. So ein Teil bräuchte er auch, und zwar dringend! Er nervte wochenlang seine Eltern, ließ sich sein Taschengeld auf fünf Jahre im voraus ausbezahlen, plünderte sein Sparbuch und bettelte die Oma um sein Erbe an. Kurz, er stürzte sich fast in den Ruin, nur um solch ein Reitrad kaufen zu können. 850 DM kostete solch ein Hercules „Cavallo“ 1979! Aber die Ernüchterung folgte bald. Er kam mit seinem Reitrad in dem hügeligen Tübingen nicht zurecht. Das „Cavallo“ verschwand bald im Keller. Später wanderte er in den Fernen Osten aus, und nach Jahrzehnten fand sein Vater das Rad bei Umbauarbeiten und ließ es mir zukommen, nachdem er mit seinem Sohn Rücksprache gehalten hatte.

 




Dominik zeigt uns, wie’s geht: Anschieben, draufsetzen und hoch- …




… und niederwippen. Sieht doch aus wie Reiten, oder?



Der Vorwärtsantrieb des Cavallo

Was war der Grund, warum der junge Mann nicht vorwärts kam? Ich meine, es lag unter anderen an seinem zu geringen Körpergewicht. Doch dazu muss man sich das Prinzip des Vorwärtsantriebes näher anschauen:

 

Das ganze Fahrrad ist auf einem „Viergelenkrahmen“ aufgebaut. Dazu stelle man sich ein Rechteck vor, das an den Ecken jeweils ein Gelenk hat. Man nehme das Rechteck an den gegenüberliegenden Enden in die Hand und ziehe oder strecke es. Mit etwas Fantasie sieht man eine Katze beim Springen. Dieses Prinzip lag den Überlegungen von Hans Günter Bals zugrunde. Die nächste Überlegung war, wie man mit Einsatz seines ganzen Körpers – mit Armen, Beinen, Bauch und Rücken – den Rahmen, also das Skelett vorwärts bringt. Die Katze macht es uns vor: Es sollte eine harmonische runde Bewegung werden.

 

Bals kam auf die Idee, den Rahmen mit auf- und niederwippenden Bewegungen in Gang zu bringen, demnach mit dem Körpergewicht. Da der Vorbau, der Lenker, auch durch ein Gelenk mit dem Rahmen verbunden ist, kann man die Vorwärtsbewegung durch Ziehen oder Drücken am Lenker unterstützen.

 

Die Wippbewegungen werden mit zwei Stangen, die links und rechts am Gelenk unter dem Sitz befestigt sind, an die Pedalarme weitergegeben, und zwar dorthin, wo normalerweise die Pedale befestigt sind. Die Pedalarme sitzen jedoch parallel auf der Tretlagerachse, die wiederum das Kettenblatt antreibt. Der Ablauf entspricht etwa einer Schubstangen-Exzentersteuerung, ähnlich wie bei einer Dampfeisenbahn die Radsteuerung funktioniert. Die eigentlichen Pedale sind fest unterhalb des Kettenblattes montiert. Sie dienen nur als Fußruhen.

 

Der Rest des Antriebes ist wie gehabt. Das Kettenblatt treibt über eine Fahrradkette das 26-Zoll-Hinterrad mit Freilauf an. Für eine saubere Übersetzung sorgt eine Fichtel- und Sachs-Dreigang-Nabenschaltung Typ H3111. Es war leider das letzte 3-Gang-Nabenschaltungsmodell der berühmten Firma aus Schweinfurt. Gebremst wird mit zwei Weinmann-Felgenbremsen vom Typ „Symetric“. Es gab nur eine Farbe zur Auswahl, und die war metallic-rot.



Die Rückfallsperre



Die „Rückfallsperre“

Ein besonderes Bauteil befindet sich auf dem hinteren Gabelrohr, direkt hinter dem Kettenblatt auf der rechten Seite: ein Zylinder, in den ein Seilzug führt. Das ist eine geniale Erfindung, die ich als „Rückfallsperre“ bezeichnen würde (das muss doch ein Schwabe erfunden haben, oder?).

 

Sie funktioniert folgendermaßen: Der Fahrer fungiert quasi als Kolben eines Otto-Motors. Die Abwärtsbewegung ist der primäre Teil des Antriebs. Die Pedalarme sind nach vorne gerichtet und drücken nach unten. Das Körpergewicht wird in Bewegungsenergie umgesetzt. Die Aufwärtsbewegung ist der sekundäre Teil, der eher eine bremsende Wirkung hat. Kommt man jetzt ins Stocken oder gar zum Anhalten, wäre ein Rückfallen auf den unteren Totpunkt ohne diese „Sperre“ die Folge – wegen der Erdanziehungskraft und des Freilaufs.





Der schwarze Griff, der die Rückfallsperre wieder löst

Im Zylinder der „Rückfallsperre“ ist eine kleine, nach oben und unten bewegliche Walze installiert, die bei der Aufwärtsbewegung zwischen die Zähne des Kettenblattes fällt, sobald die Bewegung zu langsam wird. Die Walze blockiert dann die Rückwärtsbewegung des Kettenblattes und sperrt sozusagen den Freilauf. Man sackt nicht zusammen. Entriegeln kann man die Sperre durch Vorwärtsbewegen, da fällt die Walze automatisch wieder heraus – oder durch die Betätigung eines zusätzlichen Handgriffes auf der linken Lenkerseite (der schwarze Griff). Dies ist beispielsweise nötig beim Rückwärtsschieben. Die Betätigung dieses Griffes setzt über einen Zug eine Wippe am Zylinder in Gang, welche die kleine Walze vom den Zähnen des Kettenblattes heraushebelt.

 

Beim Bergabfahren nimmt man am besten die höchste Position ein. Da funktioniert der Freilauf ungehindert. Man kann sich dann mit den Füßen bequem auf den Fußruhen ausstrecken.



Schweres Bergfahren, aber hoher Spaßfaktor!



Die Wiege des Hercules „Cavallo“.

Leider ist dieses Hercules „Cavallo“ wie beschrieben nicht leicht zu fahren. Bergauffahrten sind für mich ein Graus. Bei Steigungen über 8 Prozent muss ich absteigen und schieben. Bei Fahrten gegen den Wind steigt der Trainingseffekt erheblich an. Es melden sich dann plötzlich vergessene Muskelpartien und sagen: „Hurra, wir sind auch noch da!“

 

Wenn man sich den gesamten Bewegungsablauf auf dem Hercules „Cavallo“ anschaut, merkt man schon bald, dass das Totpunktpotenzial sehr groß ist. Das sind die Bewegungsabläufe, die den Vorwärtsdrang eher behindern. Es war ein triftiger Grund, weshalb nur so wenige „Reiträder“ verkauft wurden. Dies ärgerte auch sicherlich Hans Günter Bals. Sein Prototyp lief bestimmt besser. Gerne würde ich ein Bals-„Swingbike“ der neuesten Generation einmal testen.



Aber trotz all dem ist der Spaßfaktor mit dem „Cavallo“ grenzenlos. Ich könnte mich manchmal halb kaputt lachen über die Reaktionen der Leute, die mir entgegenkommen. Vor allem amüsiere ich mich über manche Radler auf ihren megamodernen Bikes. Tausend Fragezeichen sehe ich über dem Helm und einen Ausdruck im Gesicht „häää, was war das“? Irgendwann fährt mal einer von denen vor lauter Selbstzweifel in den Acker. Und irgendwann hält mich eine Polizeistreife an. Darauf freue ich mich jetzt schon diebisch…

 




Peugeot Power: Der Autor Michael Faiß (Tübingen) mit seinem alten Peugeot-Rennrad


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