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Albert Londres: Die Strafgefangenen der Landstraße

Titel: 
Die Strafgefangenen der Landstraße. 
 
Reportagen von der Tour de France 
Autor: 
Albert Londres 
Layout: 
Gebundene Ausgabe, 124 Seiten 
 
mit zahlreichen Archivfotos von der Tour 1924 
Verlag: 
Covadonga Verlag; Auflage: 1. (31. Mai 2011) 
ISBN-10: 
3936973644 
ISBN-13: 
978-3936973648 
Preis: 
12,80 € 
 
 


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Seit dem 2. Juli rollt sie wieder, die Tour de France. Dieses dreiwöchige Radspektakel, das sich auf über 3000 Kilometern durch Frankreich schlängelt und wie jedes Jahr für viele Schlagzeilen auf und abseits der Straßen sorgt. Heute sind es sogar die Fahrer selbst, die sich über Plattformen wie Twitter oder Facebook sofort und gerne auch mal unverblümt zum Renngeschehen äußern und uns so in einer nie dagewesenen Nähe und Direktheit am Geschehen teilhaben lassen. Einen ungefähren Eindruck, wie diese Kurzmitteilungen vor fast 90 Jahren ausgesehen hätten, vermitteln uns die Reportagen des Franzosen Albert Londres, der die Tour de France im Rahmen ihrer 18. Ausgabe 1924 im Konvoi begleiten durfte.

 

Scheinbar ohne Berührungsängste offenbaren sich ihm „Die Strafgefangenen der Landstraße“ nach und teilweise sogar während der Etappen. So konnte Frankreichs damals bekanntester Reporter zu jeder Etappe einen Bericht verfassen, die in seiner Zeitung, dem Le Petit Parisien, veröffentlicht wurden. Diese Berichte liegen nun erstmals in einer deutschen Übersetzung von Stefan Rodecurt vor und sind im Juni 2011 im Covadona Verlag erschienen.

 

Londres, der 1884 in Vichy geboren wurde, hatte sich bereits im Vorfeld mit Reportagen u.a. über die Strafgefangenenlager in Französisch-Guayana oder den 1. Weltkrieg einen Namen gemacht und galt als der Enthüllungsreporter schlechthin. Schließlich hatten seine Berichte sogar dafür gesorgt, dass die Gefangenenlager in der südamerikanischen Kolonie geschlossen wurden. Wie wir heute wissen, ist entsprechendes im Falle der Tour nicht geschehen. Auch wenn es bereits damals im Anschluss an die Tour heftige Diskussionen über die zu langen Etappen und das viel zu harte Rennen gab. So viel hat sich ja vielleicht doch nicht geändert, zumindest was das laute Klagen betrifft.

 

Verglichen mit heute war diese 18. Tour dennoch ein wahrer Marathon, der sich über 5425 Kilometer erstreckte und in Etappen mit einer Länge bis 480 Kilometern Länge gipfelte. Immerhin gab es nach jeder Etappe einen Ruhetag. Bis zu 20 Stunden quälten sich die Fahrer über Schotterpisten, bevor sie beinahe halbtot vom Rad fielen. So schildert Londres u.a. die Begegnung des Fahrers Jean Alavoine mit einem Verkehrspolizisten, der den erschöpften Alavoine nach einer Etappe von der Straße scheuchen wollte: Alavoine holte ein Messer aus seinem Beutel, hielt es dem Ordnungshüter hin und sagte mit atemloser Stimme: „Hier töten sie mich auf der Stelle.“ Auch, wenn so etwas eine Randnotiz im großen Ganzen ist, so macht es dennoch deutlich, mit welchem Gespür Londres ausgestattet war und so etwas erfassen konnte.

Diese und eine andere Episode, in der ein Kommissär tagelang an das Herz und die Ehre eines Fahrers appelliert, nicht auszusteigen, um bei einem Eintagesrennen ein Hundertfaches an Geld zu verdienen, machen deutlich wie nah Londres an den Fahrern dran war.





Henri Pélissier 1913

Eine Nähe, die schließlich bzw. sogar in der ersten Phase dieser Tour zum ersten öffentlichen Dopinggeständnis dieser so von Doping durchzogenen Sportart führen sollte. Völlig selbstverständlich sitzen die Gebrüder Pélissier und Maurice Ville nach ihrem Tour-Ausstieg in einem Bahnhofs-Café und schütten Londres erst ihr Herz und dann ihre Apotheke aus. Völlig selbstverständlich sprechen sie über die unmenschlichen Bedingungen und über ein Reglement, dass sich für heutige Verhältnisse wirklich wie die Hausordnung einer Strafgefangenenanstalt liest. So hatte Henri Pélissier, der immerhin als Titelverteidiger am Start war, einen Streit mit einem Kommissär über ein Trikot, denn zwei Trikots durfte man nicht tragen, egal welches Wetter herrschte. Hier bei heißer Schokolade und im Gespräch mit Londres lassen sie ihrer Wut freien Lauf, präsentieren ihre geschundenen Körper und packen schließlich Kokain für die Augen, Chloroform für die Zähne und Pillen auf den Tisch. Das Ganze mit einer ausgesprochenen Ruhe und Gelassenheit, denn Konsequenzen mussten sie keine fürchten. Und auch Londres, der ein Neuling im Radsport war, bedachte dieses Treffen mit keiner besonderen Note. Es war für ihn ein Fakt, dass man dieses Rennen nur mit medizinischer Hilfe bestehen konnte. Für uns ist es heute nur ein weiteres Zeugnis dafür, wie eng Doping und Radsport bereits vor 90 Jahren miteinander verknüpft waren. Eine Verknüpfung, die bis heute Bestand hat.

 

Insgesamt liegt hier ein für Radsport-Fans unverzichtbares Zeitzeugnis vor. Ein Text, der uns mitten in eine fremde Sportwelt wirft und uns hilft diesen Sport anders zu sehen. Mit den Augen eines erfahrenen Reporters, der hier ein besonderes Talent für den speziellen Moment an den Tag legt und uns Teil des Rennens werden lässt.



 

 

Leseprobe: DIE WINDSCHNITTIGSTE NASE SIEGT



 

von Ocaña, Juli 2011


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