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Profis und Amateure erzählen



Christian Ossowski

 

Am 13.Oktober 1998 wird Christian Ossowski, 49 Jahre, frühmorgens unsanft von der Polizei aus Poitiers geweckt, festgenommen und nach zwei Tagen Haft unter Hausarrest gestellt. Ihm und seinem Sohn Patrick, 24 Jahre, wird das Dealen mit Drogen vorgeworfen, insbesondere mit dem ‚Pot belge’, mit dem sie Radamateure der Region Centre-Loire versorgt haben sollen.

 

41 Personen werden in diesem Zusammenhang in Poitiers vor Gericht gestellt.

 

Christian Ossowski gibt seinen Werdegang, seine Radsport-, Doping- und Drogenkarriere zu Protokoll, festgehalten in dem Buch Paroles de dopés von Yves Bordenave und Serge Simon. Der folgende Text ist eine Zusammenfassung:

 

 

Doping, Sucht und Dealen

 

Ossowksi wurde 1949 in Orléans geboren als Kind einer polnischen Familie. Mit 15 Jahren entdeckte er seine Begeisterung für den Radsport und vor allem seine eigenen Fähigkeiten, nachdem er mit einem Freund drei Wochen lang auf einer Radtour nach Yugoslawien insgesamt 4 300 Kilometer zurückgelegt hatte. Bald bekam er seine erste Lizenz. Diese Liebe ließ ihn nie mehr los, er vernachlässigte die Schule und lebte nur für das ‚Vélo’ - erfolgreich, mit 18 Jahren fuhr er in der obersten Amateurliga, fast wäre er Profi geworden. Jean Stablinski kam eines nachmittags zu ihm und bot ihm einen Platz in seiner Equipe Lejeune an. Doch Ossowski lehnte ab, da er bereits sehr gut als Amateur verdiente, eine Entscheidung, die er 30 Jahre später etwas bereute: Das Leben in diesem Milieu mit den vielen Reisen, den Hotels, der besonderen Atmosphäre großer Rennen mit den Zuschauermassen, den Journalisten, dieses eigene Leben, das ihn etwas an einen großen magischen Zirkus erinnert, hätte er doch gerne näher kennen gelernt, davon wäre er gerne Teil gewesen.

 

Eine Ahnung davon, wie es hätte sein können, bekam er bei drei französischen Meisterschaften, an denen er als Amateur teilnehmen durfte. Bei einer dieser Veranstaltungen, 1969 oder 1970, machte er seine ersten Dopingerfahrungen. Freitag Abend, am Vorabend der Meisterschaften, nach seiner Ankunft in Port-de-Bouc (Bouche-du-Rhone), musste er sofort an einem Kriterium teilnehmen.

 

Die Kriterien sind immer etwas speziell. Im Allgemeinen gab es am Ziel keine Kontrollen und das Rennen war arrangiert. Die ‚Mafias’ legen im Voraus fest wer gewinnt und sie teilen sich dann die Geldpötte. Wenn du nicht dazu gehörtest, hattest du aber kein Interesse vorne mitzufahren oder Leben in das Rennen zu bringen. Im Nu hattest du dann vier oder fünf Typen neben dir, die dich davon überzeugen wollten, auf den rechten Weg zurück zu kehren. Wenn du dich nicht fügtest, versprach deine Karriere im Peloton schwierig und manchmal riskant zu werden.“

 

Bis zu diesem Abend hatte er zwar von Amphetaminen gehört, aber noch nichts davon genommen, mit der Konsequenz, nicht immer gut zu sein, schwankende Leistungen zu bringen, da oft die Erschöpfung durchkam. Während des besagten Kriteriums sieht er, wie sich seine Kollegen ‚laden’, sich Spritzen setzen und nach dem Rennen bekommt er mit, wie die Besten des Pelotons, seine Idole, von Leckereien sprechen, die sie sich noch gönnen würden. Am nächsten Tag, stellte er fest, fuhren diese frisch, ohne die geringste Müdigkeit.

 

Ossowski wird neugierig und findet am Abend in den Mülltonnen Verpackungen von Medikamenten zur Regeneration, Amphetamine, verbotene Produkte. Zuerst ist er etwas schockiert von der Erkenntnis, dass die Champions sich dopen, aber dann fragt er nach und bekommt schnell und leicht selbst etwas davon ab. Nichts besonderes, niemand stellte ihm Fragen oder war überrascht: „Es war eher das Gegenteil, wie auch heute noch: Sobald du ein bestimmtes Niveau im Radsport erreichst, wird auf denjenigen mit dem Finger gezeigt, der nichts nimmt. Zuerst nahm ich es, um auszuprobieren, wie es wirkt, dann nahm ich es für ein Rennen und dann habe ich erst damit aufgehört, als man mich inhaftierte.

 

Es dauerte nicht lange und Ossowski kannte die besten Beschaffungswege. Das Nötigste gab es freiverkäuflich in Italien, an der Riviera. Da wurde der Eigenbedarf gedeckt und den Freunden und Bekannten brachte man gleich auch etwas mit. Für ihn war das kein echter Drogenhandel, vielmehr ein normales Entgegenkommen, bei dem nur die Unkosten rausprangen.

 

Wenn ich merkte, dass es gut lief, wenn ich auf einen Podiumsplatz hoffen konnte, heizte ich mich ein (j’allumais la chaudière), wie man sagt. Manchmal sogar während des Rennens. So 50 km vor dem Ziel beobachtete man die Kommissare und setzte sich eine Spritze um sich wieder fit zu machen. Meistens versteckte ich vor den Rennen eine Spritze mit Inhalt in meiner Hose, angeklebt mit Heftpflaster. Und wenn ich auf dem Rad Lust hatte oder es nötig wurde, verabreichte ich mir die Soße ohne anzuhalten. Wenn es Dopingkontrollen gab, suchte man einen Weg, denen zu entgehen. Insgesamt wurde ich dreimal kontrolliert. Zweimal wurde ich vorgewarnt. Ich hatte einen Trick: Ich befeuchtete meinen Zeigefinger mit etwas Javel (ein Desinfektionsmittel). Im Urin vernichtet Javel die Amphetaminspuren. Es genügte, dass ich mir über den Finger urinierte und mein Urin ließ sich nicht mehr analysieren. Ich habe das so gemacht und ich habe es Dutzende Male gesehen. Ich hatte immer ein kleines Fläschchen Javel bei mir.“

 

Alle wussten Bescheid, die Kommissare, die Organisatoren, die Leiter usw., alle. “Als im Zuge der Festina-Affaire die Funktionäre des Französischen Radsportverbandes sagten, sie wüssten nichts, lachte ich mich schief. Alles Heuchler, Lügner. .... Vor 20, 30 Jahren dopten sich im Radsport alle. Alle waren geladen. Vor allem auch die, die heute den Ton angeben. Jean-Marie Leblanc, der Patron der Tour, war Profi. Er weiss genau, was abgeht. Die Ehemaligen, die uns im Fernsehen glauben machen wollen, sie hätten sich zu ihrer Zeit mit Vitaminen zufrieden gegeben. Sie halten uns wohl für blöd.

Wenn alle nicht mehr lügen, die Wahrheit sagen würden, dann wäre man im Kampf gegen das Doping schon einen Riesenschritt weiter.

 

Immer regelmäßiger musste er sich mit Amphetaminen versorgen. Er brauchte seine Dosis, er war abhängig geworden. Manchmal gab es Rennen morgens und nachmittags, da half nur Unterstützung. Die Amphetamine ließen die Schmerzen ertragen, Müdigkeit verschwinden, das Radfahren machte mehr Spaß. „Wenn du das Radfahren so liebst wie ich, dann möchtest du immer mehr. Möchtest es immer besser machen, schneller sein, noch mehr bringen als das letzte Mal oder der Typ neben dir. Selbst beim kleinsten Rennen im kleinsten Dorf möchtest du zu den besten gehören. Das ist stärker als du. ... das hört niemals auf.“

 

Mit den Anabolika kam er spät in Berührung. Erst als er sich mit 40 Jahren seinem Karriereende näherte, versuchter er seine Leistungen damit zu verbessern. Auch Corticosteroide mied er, zumal diese ‚neuen’ Produkte zu seiner Zeit in Amateurkreisen kaum gebräuchlich waren. Dagegen stellt Ossowski fest, dass sehr viele ehemalige Fahrer amphetaminabhängig sind, „Doping ist ein Höllentrip, eine Spirale.

 

Aber Radsport ohne Doping, das war ihm klar, gibt es nicht. Als sein Sohn sich auch diesem Sport zuwandte und erfolgreich fuhr, wollte ihn Ossowski selbst darauf vorbereiten, er klärte ihn auf und warnte ihn vor dubiosen Produkten. Abhalten wollte er ihn nicht, er verstand dessen Leidenschaft. Er selbst hatte alles erst nach und nach erfahren, die anderen waren ihm da immer einen Schritt voraus. Sein Sohn sollte es da besser haben, Doping gehörte dazu, es galt nur das Schlimmste zu vermeiden. Sein Sohn berichtet ihm vom Pot belge, der in seinen Kreisen kursierte. Ossowski kannte ihn noch nicht, versuchte ihn, und verfiel ihm, auch sein Sohn konsumierte davon. Ein ehemaliger Funktionär, den er von früher kannte, ebenfalls abhängig, bekam den Stoff aus Polen, Ossowski und Sohn versorgten sich damit und verkauften weiter. Allerdings gab es noch andere Verbindungen, er erkannte dies an der wechselnden Zusammensetzung, die sich in der Wirkung bemerkbar machte.

 

Am Tage seiner Verhaftung hörte er mit dem Drogenkonsum auf.

 

Im Januar 2000 wurde Christian Ossowski tot in seinem Wohnwagen aufgefunden, Herzversagen.

 

 

Quelle: Yves Bordenave / Serge Simon, Paroles de dopés, 2000

(> zur Buchbesprechung)

 

 

mehr Informtionen zu dem Prozess, in dem Ossowski angeklagt wurde und als Hauptzeuge galt, gibt es hier: > die Poitiers - Affaire

 

Beitrag von maki

 

 


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