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Geschichte internationaler Radsport



Historische Fahrräder



Dokumentation der Restaurierung eines außergewöhnlichen französischen Damen-Sportrades

Text und alle Aufnahmen von Michael Faiß, Tübingen. Januar 2016

 

Michael Faiß: "Ich bekomme jedes Jahr zwei oder drei historische Fahrräder, die ich in meiner (Museums-)Fahrradwerkstatt in Weilheim bei Tübingen wieder herrichte. Ich versuche, diese Fahrräder wieder fahrbereit zu machen und sie so nah wie möglich am Originalzustand auszurichten. Im Mai 2015 besuchte mich der Geschäftsführer des Tübinger Auto-Zweirad und Spielzeugmuseums „Boxenstop“ mit einem französischen Damen Sport Rad und fragte, ob ich es wieder salonfähig machen könnte.

 

Der folgende Bericht schildert meine erfolgreichen Bemühungen."



Cycles G. Glineur





Beschreibung

Modell/Typ: 
Cycles G. Glineur, 28“, leichter französischer Stahlrahmen 
Baujahr: 
ca. 1950 
Hersteller/Ort: 
Fa. G. Glineur in Levallois/Paris, Département Seine, Frankreich 
Ausstattung: 
Lenkkopf und Kurbeltrieb von „Stronglight“ (französischer Hersteller von hochwertigen Fahrradkomponenten, St. Etienne) 
 
4-Gang Schaltung von „Simplex“, Modell „Tour de France“ 
 
Chrolux-Felgen von „Rigida“ 
 
Naben von „NEW STAR“ (Französisch) 
 
Cantilever Bremsen, wahrscheinlich Eigenbau von „Glineur“ 
 
Schutzbleche von „Le Nervurex“ und „Lefof“ 
 
Pedale von „Lyotard“, hochwertiges französisches Produkt 
 
Gesamtgewicht 12 kg 





So kam es im Mai 2015 zu mir,



das Rad der „Cycles Glineur“, 1950 gebaut.



Forschung

Bevor man aus Gründen der Restauration ein Fahrzeug zerlegt, sollte man sich unbedingt ein Bild desselben machen. Vor allem das Baujahr, der Herstellungsort und die früheren Umgebungsbedingungen sollten klar sein.

Das war in diesem Fall sehr schwierig, da die Firma Glineur heute völlig unbekannt ist. Ein Fahrradexperte aus Frankreich, Jan Konold aus Molsheim bei Straßburg, nahm sich des Fahrrads an und fand Erstaunliches dabei heraus.

 

Das Baujahr kann aufgrund der Ausstattungsvarianten mit 1950 angegeben werden. Eine kleine, von der Form her recht seltene Identitätsplakette, ist an der Lenkerbefestigung angebracht. Diese Plaketten gab es in Frankreich eine Zeitlang an den Fahrrädern zu sehen. Die persönlichen Daten des Eigners waren dort eingraviert. Daraus ergab sich als Besitzerin eine Madame Georgette Glineur, wohnhaft in der Rue Marloin in Levallois bei Paris, im damaligen Département Seine. Der Rahmen hat Markenaufkleber mit „G. Glineur“. War sie eine Bekannte oder die Frau des Geschäftsführers, womöglich die Geschäftsführerin selbst? Der Name „Glineur“ ist in Frankreich recht selten. In Paris erscheint er gerade 20 Mal. Und der Ort Levallois ist die Heimat des weltberühmten Fahrradkonstrukteurs Alex Singer und anderen Edelschmieden.

 

An den Ausfallenden des Rahmens und der Gabel sind „GL“ eingeschlagen. „GL“ für „Glineur“? Das würde bedeuten, dass der Rahmen und die Gabel im Hause selbst gefertigt wurden. Oder nur die Ausfallenden? Es sind Spekulationen, die aber durchaus zutreffen könnten.





Die Identitätsplakette



Hier steht G. Glineur



GL für Glineur?






Die Rahmen-/Gabelnummer



auf der Innenseite der Gabel: 517 und 1919




Zerlegen



Schraubbefestigung des vorderen Schutzblechs

Das Zerlegen des Fahrrades machte wenig Schwierigkeiten. Kopfzerbrechen verursachte nur die Demontage des vorderen Schutzblechs. Anders als bei deutschen Rädern wird das Schutzblech von einer durch die Gabel gehenden T-Schraube mit Gummipuffern gehalten.



Die 4-Gang-Simplex-Schalteinheit wackelte an der Rahmenbefestigung. Nach Lösen vom rechten Ausfallende sah ich, dass das Schraubgewinde der Schaltaugenbefestigung defekt war (im Bild unten die Nr. 805). Dies ist eine ungewöhnliche, hohlgebohrte Schraube und war ein Teil, das ich nicht auf die Schnelle beschaffen konnte. Das Rahmengewinde sah hingegen gut aus, dank des sehr harten Stahls des Ausfallendes.

 

Der Antrieb und das Lenkkopflager sind von „Stronglight“ aus St. Etienne. Sie sind aus den teuersten und besten Materialien, die man damals kaufen konnte.




Die Italienische Rad Ikone Fausto Coppi fuhr 1947 mit derselben Ausstattung und der 4-Gang-Schaltung von Simplex den Gesamtsieg der „Tour de France“ ein. Die Stronglight-Kurbeln sind mit Keilen an der "hohlgebohrten (!) Achse" befestigt. Die Kurbeleinheit ist auf BSA-Basis aufgebaut, wie man sie bis in die 1990er Jahre auch an Rennrädern verwendet hat. Das einfache Kettenblatt besitzt 48 Zähne.





BSA-Kurbeleinheit von der linken Seite



Von Stronglight hohlgebohrte Kurbelachse

Die rechte Tretlagerschale saß fest, fast wie angeschweißt. Die Gefahr, dass hier etwas unwiederbringlich zerstört werden könnte, war zu groß. Nach der Untersuchung der Lagerlaufflächen sowie der Konen war ich beruhigt. Sie sahen noch gut aus, und ich konnte die Lagerschale drinnen lassen.

 

Das Rad wird bis auf die kleinste Schraube zerlegt. Alle Teile werden sorgfältig untersucht und nach der Reinigung, so gut es geht, wieder verwendet. Dies ergibt ein stimmiges Gesamtbild. Der Freilauf des hinteren Laufrads mit den vier Ritzeln darauf funktioniert noch. Jedoch läuft er ziemlich rau. Ich verwende ihn trotzdem, da er ein seltenes und originales Regina-Modell ist.



Farbe

Wenn es um die Farbe geht, scheiden sich bei den Restaurateuren die Geister. Bei einem schwarzen Rahmen ist es relativ einfach, ein akzeptables Ergebnis zu erzielen. Hier haben wir es mit einem unbekannten „Rot-Metallic-Effekt“-Lack zu tun. Mangelnde Lackpflege, zumindest in seiner letzten Fahr-Zeit und häufiger Gebrauch machen eine Lackkonservierung nicht einfach. Bei der gründlichen Reinigung des Rahmens und der Gabel mittels Ersatzterpentin-Lösung kamen frühere, schlecht ausgeführte Spraylack-Ausbesserungen zu Tage. Diese lösten sich bei der Reinigung ab, und übrig blieb eine weiße, rostige Grundierung. Ein abgerissener Cantilever-Bremshalter wurde neu angeschweißt und mit einer bleihaltigen Rostschutzgrundierung ebenso überstrichen wie ein großer Teil des Rahmens.

 

Bei der Demontage des groben Fahrradschlosses von der Gabel bröckelten große Stücke des Lacks ab. Der ursprüngliche, vermeintlich gute Lackzustand entpuppte sich als fast nicht mehr rettbar. Ich versuchte, die Lackfehlstellen neu auszutupfen und die Schweißstelle am Rahmen neu zu bearbeiten. Danach wurden der Rahmen und die Gabel mit einem Klarlack überzogen. Aber das Ergebnis war ernüchternd.

 

Metallic-Effekt-Lackierungen kann man mit herkömmlichen Mitteln nicht ordentlich ausbessern. Ich war hin- und hergerissen. Als Ausstellungsstück konnte man es so nicht belassen. Das Fahrzeug ist für diesen Zustand zu jung. Ich entschloss mich doch zu einer Neulackierung – unter Beibehaltung der originalen Schriftzüge –, die ein Fachunternehmen sorgfältig ausführte.




Die „Reparatur“ des Cantilever-Bremshalters mit anschließender Rostschutzgrundierung auf Bleibasis



Der sehr interessante und fertiggereinigte französische Rahmen



Zusammenbau

Der Zusammenbau ist eine Arbeit, die Freude macht. Alle Teile sind mittlerweile blitzsauber und überholt. Man sieht am Feierabend nicht mehr aus wie ein „Kaminfeger“. Das ist wie Puzzle spielen mit Anleitung. Nur, dass das Ergebnis lebt.

 

Ich beginne grundsätzlich mit dem Einschlagen der Lenkkopf-Lagerschalen und dem Zusammensetzen von Gabel und Lenkkopf. Die neuen Lagerkugeln sind ohne den Lagerring, also lose, eingebaut.

Das hat den Vorteil, dass mehr Kugeln den Druck aufnehmen können, was den Lenkkopf stabiler macht. Den Lenker setzt man später ein. Er ist beim weiteren Vorgehen nur im Weg.

 

Der nächste Arbeitsgang ist die Montage des Tretlagers. Auch hier wurde das rechte und das linke Lager mit neuen Kugeln, aber ohne einen Lagerring eingebaut. Das Einstellen erfordert Fingerspitzengefühl.

 

Dann kommt die Montage der vier Cantilever-Bremseinheiten mit den originalen Bremsklötzen dran. Eine geniale Technik!




Die wunderbaren Cantilever-Bremsen.



Wahrscheinlich
Eigenbau
von „Glineur“



Danach ist die Simplex Schalteinheit mit der „neuen“ Schraube des Schaltauges an der Reihe. Hier muss man sehr sorgfältig vorgehen. Anschließend wird der Simplex Schalthebel an das rechte Ober-Rohr geschraubt und der neue Schaltzug mit der Schalteinheit verbunden.

Der Lenker wird geklemmt, und die Umkehr-Handbremsen werden an die Lenkerenden geschraubt, zudem zwei neue Bremszüge eingehängt und an der raffinierten Rollenumlenkung der „Cantilevers“ festgemacht.




Eine raffinierte Rollenumlenkung



Simplex Tour-de-France-Schalteinheit



Der Zug der vorderen Handbremse geht durch ein Loch im Lenkervorbau hindurch. So etwas sieht man selten. Ein neues, altes Vorwerk-Lenkerklebeband wird herumgewickelt. Da es furchtbar neu aussieht, wird es mit Leinöl eingelassen. Das ergibt einen schönen „speckigen“ Charakter. Das war ein Tipp eines alten Hasen, für den ich dankbar bin.

 

Was wäre ein französisches Rädchen ohne die „gedengelten“ Alu-Schutzbleche von „Le Nervurex“! Die sind jetzt dran.




„Le Nervurex“-Schutzbleche



„Lefof“
-Kettenschutz



Danach werden die Laufräder mit neuen Michelin Pneus eingesetzt. Die Speichen der Laufräder sind einzeln vom Rost befreit und aufpoliert worden, die Kugeln der Lager wurden gewechselt.

 

Nun werden die wunderbaren und überholten „Lyotard“-Pedale an den Kurbeln eingeschraubt. Die originale Antriebskette wird aufgesetzt und zusammengenietet. Sie war vorher nach Abnutzung vermessen und gangbar gemacht worden. Der Kettenschutz wird an den Rahmen geschraubt, und die restlichen Teile werden noch montiert.

 

Auf eine Beleuchtung habe ich bewusst verzichtet. Es war mit Sicherheit noch keine an dem Rädchen dran. Sie würde das feine Erscheinungsbild nur zerstören. Es verbleibt nur ein Rückstrahler am hinteren Schutzblech.

 

Der „Brooks“ Sattel, der ursprünglich angebracht war, gefiel mir nicht. Zu abgenutzt sah er aus, und dann war er noch mit Löchern durchschossen. Original war sicherlich ein „Ideale“-Sattel, der aber schwer zu bekommen ist. Ich montiere einen gut gebrauchten „Brooks B66“.

 

Zum Schluss kommt die zeitaufwändige Einstellung aller Teile. Und irgendwann ist das Fahrrad nach etwa 50 Arbeitsstunden fahrbereit. Auf zur Probefahrt!

 



Abschied

Eins habe ich bei diesem Fahrrad gelernt: Dass man nicht jedes alte Fahrrad, das als kulturhistorisch wertvoll gilt, in seinem Fundzustand belassen sollte. Wenn man nichts an solch einem Rad macht, kommt es Otto Normalangucker nicht schön vor. Es fehlt der Show-Room-Effekt. Und bei einem eher jungen Oldtimer, wie das "Glineur" einer ist, wäre es richtig schade und unangebracht. Da erwartet man einen besseren Zustand. Vielleicht ist das sogar persönlich auf das eigene Alter des Betrachters bezogen. Ein sehr altes Fahrrad jedoch darf ruhig richtig rostig aussehen. Ich denke, es war eine gute Lösung, den Rahmen im originalen Farbton lackiert haben zu lassen. Letztlich muss es einem ja selber gefallen.

 

So, nun steht du vor mir, du belle femme. Hübsch sieht du aus und sehr grazil. Ein waschechtes französisches Damen Sport Rad. Du wirst deinen Platz in der französischen Fahrradgeschichte mit Sicherheit wieder finden. Und lange warst du bei mir. Das Zusammenspiel Mensch/Maschine braucht einfach Zeit, bis es rund wird.





Für mich ist dieser Augenblick des „Fertigseins“ immer mit ein wenig Traurigkeit verbunden. Hier noch ein bisschen Öl, da könnte man noch ein wenig nachpolieren. Sind alle Schrauben fest angezogen? Ich kann einfach nicht so schnell loslassen. Spannende Momente haben wir zusammen verbracht, und immer wieder hast du mir schier unlösbare Probleme zubereitet.

Nun bist du fahrbereit, wirst dein neues Zuhause finden und deinem neuen Besitzer-viel Freude bereiten, da bin ich mir ganz sicher.

 

Mitgewirkt haben und daher ein herzliches Vergelt`s Gott an:

Jan Konold aus Molsheim/Frankreich: überhaupt der Experte für französische Fahrräder

Dieter Dürr, Autolackierwerkstatt in Gomaringen

Bianca Hennig, “Fantastic Design”-Studio in Ofterdingen

Axel Bolinger aus Berlin: ein Kenner alter Rennräder und Schaltungen.








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